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"Ein unbequemer Querdenker"

Thilo Sarrazin zum 70. Geburtstag

Freitag, 13 Februar 2015 22:01 geschrieben von  Enno-Martin Cramer
Dr. Thilo Sarrazin, Volkswirt & Autor Dr. Thilo Sarrazin, Volkswirt & Autor Quelle: thilo-sarrazin.de

Berlin - Am Donnerstag feierte der frühere Berliner Finanzsenator und Bundesbanker Thilo Sarrazin seinen 70. Geburtstag. Weit über die Grenzen der Hauptstadt hinaus bekannt wurde der promovierte Volkswirt zunächst, als mit dazu beitrug, den überschuldeten Haushalt Berlins zu konsolidieren. Als Autor des in der Bundesrepublik bislang meistverkauften Bestsellers „Deutschland schafft sich ab“ stieg Sarrazin, der seit 1973 der SPD angehört, vor fünf Jahren schließlich zum Medienstar auf.

Sarrazins Berufsleben begann einst in der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung, 1975 wechselte er ins Bundesfinanzministerium, wo er später unter Theo Waigel (CSU) an der deutsch-deutschen Währungsunion mitarbeitete. Von 1997 bis 2000 arbeitete er als Geschäftsführer der Treuhandgesellschaft. Im rot-roten Senat wachte er von 2001 an über den Etat der Bundeshauptstadt, 2009 ging er zur Bundesbank, doch bereits im darauf folgenden Jahr schied er dort im Zuge der Debatte um „Deutschland schafft sich ab“ wieder aus. Seither lebt Thilo Sarrazin in Berlin und veröffentlichte bisher mit „Europa braucht den Euro nicht“ und „Der neue Tugendterror“ zwei weitere, viel diskutierte Bücher.

Der Erfolg von „Deutschland schafft sich ab“, erst recht aber die Attacken, denen sich Sarrazin bis heute wegen seiner Thesen ausgesetzt sieht, belegen, dass er einen wunden Punkt getroffen und Probleme angesprochen hat, die hierzulande viel zu lange als Tabu galten – und teilweise immer noch gelten. Obwohl er sich in nur einem Kapitel, das noch nicht einmal 80 von über 400 Seiten ausmacht, mit den Themen Zuwanderung und Integration beschäftigt, wurde das Buch von seinen Kritikern oftmals darauf reduziert. Befasst man sich eingehender mit dem Werk, wird allerdings schnell deutlich, dass Sarrazin nicht nur in bildungsfernen und dauerhaft transferleistungsabhängigen Migranten ein gewaltiges Problem sieht, sondern auch in der grassierenden Prekarisierung vieler autochthoner Deutscher.

Sarrazins Thesen

Die Kernthesen von „Deutschland schafft sich ab“ lassen sich wie folgt zusammenfassen: Die Armut in Deutschland sei eher geistiger denn finanzieller Natur, was nicht zuletzt aus der Unfähigkeit vieler Betroffener resultiere, ihr Leben eigenverantwortlich in den Griff zu bekommen. Eine übermäßige Alimentierung durch den Staat führe letztendlich dazu, dass kein Anreiz mehr für den sozialen Aufstieg aus eigener Kraft bestehe. Hinzu komme nicht nur ein nivelliertes Bildungssystem, sondern auch der demographische Niedergang bei gleichzeitig ungezügelter Zuwanderung vornehmlich türkischer, arabischer und afrikanischer Migranten in die Sozialsysteme. Der religiöse – nämlich islamische –  Hintergrund jenes durch zahlreiche Transferleistungen aufgepäppelten Subproletariats mit seiner hohen Fertilitätsrate verschärfe die Situation zusätzlich, da gerade bei solchen Migrantengruppen mehrheitlich weder der Wille noch die Fähigkeit zur Integration bestehe. Letztlich sei die undifferenzierte Zuwanderung von Anfang an ein, so Sarrazin wörtlich, „gigantischer Irrtum“ gewesen, der – in Kombination mit dem Geburtenschwund der autochthonen Deutschen – dazu führe, dass sich Deutschland über kurz oder lang abschaffe. Auf der Basis dieser Bestandsaufnahme präsentiert Sarrazin verschiedene Lösungsansätze, die seiner Ansicht nach dazu in der Lage wären, eine Trendumkehr herbeizuführen.

Auf besonders große Kritik stießen Sarrazins Ausführungen zur Intelligenz und Vererbung. Grundsätzlich spielt für Sarrazin die Frage der zu einem großen Teil auf die genetische Veranlagung zurückzuführenden Intelligenz und ihrer Vererbung eine bedeutende Rolle. Er selber erkennt die Brisanz dieser – richtigen, weil durch die Intelligenzforschung bewiesenen – Ansicht, wenn er in „Deutschland schafft sich ab“ schreibt: „Die Erkenntnis, dass Intelligenz zum Teil erblich ist, verträgt sich nur schwer mit den Gleichheitsvorstellungen, nach denen die Ursachen von Ungleichheit unter den Menschen möglichst weitgehend in den sozialen und politischen Verhältnissen zu suchen sind.“ Sarrazin bricht dieses Tabu, indem er humangenetische Erkenntnisse auf die Bevölkerungspolitik überträgt.

Allein schon der Ansatz, dem unterschiedlichen generativen Verhalten verschiedener Schichten – oder, noch „schlimmer“, verschiedener ethnischer Gruppen – in dem Sinne Rechnung zu tragen, dass man bei den einen durch gezielte sozialpolitische Maßnahmen und Anreize die Reproduktion fördert, während man dies bei den anderen einschränken oder verhindern möchte, muss als scharfer Angriff auf die vorherrschende Gleichheitsideologie gewertet werden. Dass einem solchen Ansatz jedoch schlichtweg ein nachvollziehbarer, logischer Gedanke zugrunde liegt, stellte Sarrazin in erfrischender Offenheit ganz klar heraus: „Wenn es richtig ist, dass Intelligenz teilweise erblich ist, und wenn es richtig ist, dass Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlicher Intelligenz eine unterschiedliche Fruchtbarkeit haben, dann hat eine unterschiedliche Fruchtbarkeit Auswirkungen auf das durchschnittliche Intelligenzniveau der betreffenden Bevölkerung.“

Seine beiden Folgewerke, „Europa braucht den Euro nicht“ und „Der neue Tugendterror“, kamen, wenngleich ebenso lesenswert und auch keine Ladenhüter, bei weitem nicht an den Verkaufserfolg von „Deutschland schafft sich ab“ heran. Auch das mediale Echo blieb verhaltener. Man hatte wohl mittlerweile gelernt, dass ist besser ist, einen Sarrazin totzuschweigen, als ihn frontal anzugreifen, spricht er doch mit seinen Standpunkten einem nicht unerheblichen Teil des Volkes aus der Seele. Politisch blieb die Sarrazin-Debatte denn auch leider folgenlos. Keine seiner Anregungen wurde aufgenommen. Die deutschen Geburtenzahlen bewegen sich weiterhin auf niedrigem Niveau, die Asylbewerber- und Zuwandererzahlen erreichen immer neue Rekordhöhen, in deutschen Großstädten haben sich die Migranten-Probleme noch einmal massiv verschärft.

Zuwanderungskritik bleibt Thema

Zuletzt meldete sich Sarrazin im „Focus“ noch einmal in Sachen Sozialtourismus zu Wort. Anlässlich eines Urteils des Landessozialgericht Nordrhein-Westfalen, in dem einer aus Rumänien stammenden Roma-Familie entgegen der Regelungen des SGB II der Bezug von Hartz IV zugesprochen wurde, erklärte er: „Deutschland hat sich damit in eine Falle begeben: Freizügigkeit für EU-Bürger und Anspruch auf Sozialleistungen im frei gewählten Aufenthaltsland vertragen sich nicht. Die deutsche Grundsicherung wird damit zum Mindestlohn für ganz Europa. Nicht einmal arbeiten muss man dafür, folgt man dem Landessozialgericht NRW. Man muss nur seinen Wohnsitz nach Deutschland verlegen und darf dabei ruhig die ganze Großfamilie mitbringen.“

Und weiter: „Ob es um die circa acht Millionen Roma auf dem Balkan oder um die Menschen Afrikas geht, deren Zahl alle drei Jahre so stark zunimmt, wie die Bundesrepublik Einwohner hat: Wenn gar nichts mehr geht, wird ihnen der deutsche Sozialstaat helfen. Sie müssen es nur irgendwie über die deutsche Grenze schaffen, und ihnen ist (zur Not ganz ohne Arbeit) ein Lebensstandard sicher, der in ihren Heimatländern traumhaft wäre.“ Dabei sei, so Sarrazin, die Lösung ganz einfach: „Wir brauchen, zum einen, ein wirksames Grenzregime, das illegale Zuwanderung verhindert. Und wir brauchen, zum zweiten, eine Regel, die Sozialleistungen für legale Zuwanderer in den ersten zehn Jahren des Aufenthalts auf das Niveau des Herkunftslands beschränkt. Beides verwirklichen wir am besten mit der EU, im äußersten Notfall aber auch ohne sie.“

 

Thilo Sarrazin hat sich durch seine kritischen Einwürfe einen Ruf als Warner und Mahner erworben, indem er die politischen Fehlentwicklungen ohne falsche Scheu beim Namen nannte. Er ist nach wie vor ein unverzichtbarer Querdenker, der keine Rücksicht nimmt auf die ungeschriebenen Gesetze der Political Correctness.

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