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Lachen verboten!

Wahlkampf in der Türkei – die Schatten des Islamismus werden länger

Mittwoch, 30 Juli 2014 10:15 geschrieben von  Jens Hastreiter
Parteilogo der AKP Parteilogo der AKP Quelle: akparti.org.tr

Istanbul - Die dschihadistische Terrorgruppe ISIS verbreitet bei ihrem Vormarsch im Nordirak zur Zeit Angst und Schrecken. In eroberten Städten und Dörfern errichtet sie unverzüglich ein muslimisches Steinzeit-Regime mit rigiden Verboten. In Mossul zum Beispiel wurde für Frauen unverzüglich ein generelles Ausgehverbot und der Zwang zur Ganzkörperverhüllung eingeführt.

Solche radikalislamischen Vorschriften sind aber nicht auf den Einflußbereich der ISIS-Horden beschränkt. Ausgerechnet in der Türkei, die jahrzehntelang als laizistischer Hort im regionalen islamischen Umfeld galt, bläst Befürwortern eines umgänglicheren Lebensstils jetzt unversehens ebenfalls der Wind harsch ins Gesicht. Der türkische Vizepremier Bülent Arinc fürchtet den Sittenverfall und fordert deshalb: Frauen sollen nicht öffentlich lachen, weniger telefonieren und dafür mehr im Koran lesen.

Es stört Arinc, wenn Frauen in der Öffentlichkeit laut lachen. „Tugendhaftigkeit ist ein hohes Gut “, erklärte er jetzt – und fordert deshalb ein Verbot öffentlich zur Schau gestellter Fröhlichkeit von Frauen. Während Männer zu ehelicher Treue verpflichtet seien, sollten sittsame Frauen nicht vor jedermann ihre Attraktivität zur Schau stellen.

Der neue Rigorismus in der Türkei ist kein Zufall – es herrscht Wahlkampf, und die Regierungspartei AKP möchte ihr islamisches Profil stärken. Auch vor diesem Hintergrund beklagt der AKP-Spitzenpolitiker Arinci einen allgemeinen Sittenverfall in der Türkei; dieser äußere sich in Drogenkonsum, Gewalt gegen Frauen und einer durch das Fernsehen geförderten „Sexabhängigkeit “ junger Leute. Gefordert sei jetzt verstärkte Koran-Lektüre.

Es gebe viele türkische Serien, die Jugendliche sexsüchtig machten, sagt Arinci. „Ich nenne keine Namen, aber ich kenne sie alle. Sie haben sich zur Aufgabe gemacht, die Gesellschaft kaputt zu machen.“ Diese Serien beeinflußten die Jugendlichen negativ durch eine Zurschaustellung unsittlicher Kleidung und Gesprächsinhalte. „Wir als gläubige Muslime sollten die Anordnungen im Koran lesen “, fordert Arinc stattdessen.

Nicht nur Politiker, sondern die gesamte türkische Gesellschaft wird zu mehr „moralischem Anstand “ aufgerufen. Vor einigen Wochen wurden Plakate der türkischen Schauspielerin Beren Saat in Istanbul von einer muslimischen Gruppe mit dem Slogan „Edep yahu “, zu deutsch: „Anstand, bitte! “, überklebt. Dabei handelte es sich um ein Werbeplakat für eine türkische Duschgelmarke, auf dem die Schauspielerin nur mit einem Handtuch bekleidet zu sehen ist.

Ein Aufruf zu mehr Anstand hatte bereits im vergangenen November für eine Protestwelle gesorgt. Der türkische Ministerpräsident Erdogan regte damals an, gemischte Wohngemeinschaften im Land generell zu verbieten. Auf einer parteiinternen Versammlung beklagte Erdogan, daß es zu wenig Studentenwohnheime gebe, weshalb Studenten und Studentinnen dazu verleitet werden könnten, sich private Wohnungen zu teilen – um dann der Verlockung des anderen Geschlechts zu erliegen.

Den Vorschlag hatte damals ausgerechnet Vizeministerpräsident Arinc entschärft, der jetzt selbst als Sittenwächter auf die harsche Islam-Linie einschwenkt. Der Wahlkampf verleitet offenbar auch türkische Politiker zu bemerkenswerten Pirouetten.

Letzte Änderung am Mittwoch, 30 Juli 2014 13:48
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