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Blockade verpufft

Wie Russland der Verteuerung von Lebensmitteln begegnet

Freitag, 05 September 2014 19:51 geschrieben von  Johann W. Petersen
Dmitri Medwedew Dmitri Medwedew Presidential Press and Information Office

Moskau - Wie nicht anders zu erwarten, explodieren die Lebensmittelpreise in Russland, nachdem als Reaktion auf die Sanktionen des Westens ein Einfuhrstopp für bestimmte Produkte aus Europa, den USA und Australien verhängt wurde.

Derzeit müssen die russischen Verbraucher durchschnittlich zehn Prozent mehr für Obst oder Michprodukte ausgeben. Am stärksten sind nach Angaben des Statistikamtes Rosstat die Fleischpreise gestiegen – nämlich um 13,8 Prozent. Der Preis für Fisch zog um 8,6 Prozent und der für Milch um 9,2 Prozent an. Besonders gravierend ist die Teuerung bei Lebensmitteln im Vergleich zur Gesamtinflation: Sie fiel von 0,5 Prozent im Juli auf 0,2 Prozent.

Doch auch für die bisherigen Exportländer wirken sich die russischen Gegensanktionen nachteilig aus. Nach einer Analyse des Fernsehsenders RT treffen die von Moskau verhängten Einfuhrverbote für Lebensmittel und Agrarprodukte neben Deutschland insbesondere auch Polen und die Niederlande. Allerdings haben solche Waren nur einen geringen Anteil an den Gesamtexporten aus diesen Ländern, so dass Russlands Nachbarstaaten Finnland und Litauen, gemessen an der Wirtschaftsleistung des jeweiligen Landes, besonders schwer darunter zu leiden haben. Aus Litauen gehen 32 Prozent aller Exporte in die Russische Föderation, darunter knapp ein Drittel der Agrarausfuhren. RT schätzt, dass von den Maßnahmen Russlands Waren im Wert von über 800 Milliarden Euro betroffen sind, was 2,5 Prozent des litauischen Bruttoinlandsprodukts ausmacht.

Für Russland stellt sich angesichts der massiven Teuerung mehr als je zuvor die Frage, wie es die Verknappung bei Agrarprodukten überwinden kann. Hier soll nach russischen Quellen zum einen verstärkt auf die Produkte heimischer Erzeuger, zum anderen aber auch auf Einfuhren aus Lateinamerika und anderen Staaten, die sich dem Boykottdiktat des Westens nicht unterordnen, gesetzt werden. „Wir werden zusätzliche Ressourcen finden, um die Abhängigkeit von Importen bei einer gewissen Zahl von Feldfrüchten und tierischen Produkten zu überwinden“, so Ministerpräsident Dimitri Medwedew laut einer Meldung der Nachrichtenagentur ITAR-TASS.

Erwartet wird, dass vor allem Brasilien, das schon jetzt nach Weißrussland und vor allen EU-Staaten und der Ukraine der größte Lieferant von Nahrungsmitteln nach Russland ist, seine Exporte deutlich erhöhen wird. Mit Ägypten ist sogar ein Freihandelsabkommen geplant, um die Einfuhr von Kartoffeln, Zwiebeln, Knoblauch oder Orangen zu erleichtern. Ungefähr die Hälfte des Ausfalls bei diesen Erzeugnissen kann so voraussichtlich ersetzt werden. Im Gegenzug will Russland seine Weizenausfuhren nach Ägypten erhöhen. Auch die Türkei hat offenbar großes Interesse, die Handelsbeziehungen mit Russland auszubauen. Vor kurzem erst empfing die Regierung in Ankara eine russische Delegation, um hier neue Vereinbarungen zu treffen. Russland ist vor allem an der Einfuhr von Milch und Milchprodukten sowie Fleisch und Geflügel aus der Türkei interessiert, wie die Zeitung „Hürriyet“ berichtete. Moskau hat also durchaus verschiedene Alternativoptionen zu West-Importen.

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