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„Deutschland seine Stärke nehmen“

Wieder einmal: Deutschland soll vor sich selbst geschützt werden

Mittwoch, 28 Mai 2014 23:47 geschrieben von  Jens Hastreiter
Das "deutsche Problem" geistert durch Europa Das "deutsche Problem" geistert durch Europa

London - Der britische Cambridge-Professor und Historiker Brendan Simms fordert Europa auf, Berlin in eine wirkliche politische Union zu drängen, um so das immer noch schwelende „deutsche Problem“ zu lösen.

Brendan Simms lehrt derzeit am „Centre of International Studies“ der Universität Cambridge. Der gebürtige Ire befaßt sich mit der Geschichte der europäischen Außenpolitik. Er machte in einem in der „WirtschaftsWoche Online“ veröffentlichten Interview am 21. Mai Vorschläge, um „Europa besser und stärker zu machen“.

Simms sieht im „deutschen Problem“ die „Kraft des Landes und die innere Zerrissenheit“. Deutschland könne das europäische Gleichgewicht auch heute noch empfindlich stören, wenn es innerlich instabil ist oder nach außen zu stark. Würde ein mächtiges Deutschland nicht in einen politischen Rahmen eingebunden, habe das Folgen.

Simms sieht mit Sorge, dass Deutschland in Europa erneut übermächtig zu werden droht. Das Land sei die unangefochtene Nummer Eins in der EU. Was Bundeskanzlerin Merkel vorgibt, würde auch gemacht. Bestes Beispiel sei die Austeritätspolitik, die gegen die Mehrheit in Europa durchgesetzt wurde. „Wir brauchen nicht mehr Deutschland, sondern mehr Europa“, so Simms.

Er schlägt deshalb vor, Europa solle es Großbritannien oder den USA nachmachen und eine politische Union bilden. Simms richtete deshalb 2013 einen sogenannten „Think tank“ mit dem Namen „Project for Democratic Union“ ein, dessen Motto „One Future. One Europe“ ist. Unter dem Dach dieser Denkfabrik sollen Leitlinien zur Verwirklichung einer politischen Union erarbeitet werden. „Wir setzen uns für die Umwandlung der Euro-Zone in einen Bundesstaat ein“, sagte Simms. „Inzwischen haben wir auch in London, Brüssel und Budapest ein Büro.“

Eine „wirkliche europäische Union“ hält Simms für den besten Weg, den Europa gehen kann: „Mit Deutschland in seiner Mitte wäre Berlin seine Stärke genommen, das ´deutsche Problem´ wäre gelöst – und Europa wäre stark und wichtig genug, um auf der internationalen Bühne gehört zu werden.“

Sollte Europa weitermachen wie bisher, würde dies laut Simms bedeuten, dass Europa nicht stark genug ist, um ernste Probleme wirklich anzupacken, zur Not auch gegen den Willen einzelner Nationalstaaten.

Simms zieht bei seinen Ausführungen Vergleiche mit den Vereinigten Staaten von Amerika. Dabei sind für ihn die verschiedenen Sprachen, die unterschiedliche Geschichte und die teilweise gegenläufigen Interessen der einzelnen europäischen Länder kein unüberwindliches Hindernis für eine politische Union.

Das Schlimmste wäre in den Augen des Cambridge-Historikers, dass zunehmend mehr europäische Rechte werden an die Nationalstaaten zurückverlagert werden. Deutschland würde dann wieder an Stärke gewinnen oder ganz aus der Europäischen Union aussteigen. „Das wäre die Rückkehr zum alten Denken und zu den Problemen, die wir seit Jahrhunderten in Europa haben“, prognostiziert Simms.

Simms hat, meinen dagegen andere Experten, bei allen seinen Überlegungen die Lektion der Geschichte nicht gelernt. Schließlich seien alle Vielvölkerstaaten im zwanzigsten Jahrhundert gescheitert – ein Schicksal, das der Brüsseler EU möglicherweise ebenfalls noch bevorsteht.

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