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Winterfeste NS-Flora?

Wiener Establishment empört sich über Blaue Kornblume!

Mittwoch, 25 November 2015 18:11 geschrieben von  Rüdiger Dietrich
Wien: Kunsthistorisches Museum Wien: Kunsthistorisches Museum Quelle: PIXABAY.COM

Wien - Nach den Oktoberwahlen in Wien fand am gestrigen Dienstag, den 24.11. die konstituierende Zusammenkunft des neugewählten Parlaments statt und lieferte bereits den ersten Skandal -, oder zumindest was man dafür hält bzw. zu einem solchen stilisieren möchte. Allerdings ist selbiger nicht auf unbedachte verbale Entgleisungen zurückzuführen, sondern weil man Blumen sprechen ließ. Wenngleich auch in Österreich Angelobungen selten ohne floralen Schmuck vonstatten gehen, führt dies zu hyperventilierender Schnappatmung in der österreichischen Parteienlandschaft, wenn sich die Freiheitlichen dieser Tradition anschließen. In diesem Sinne wurden fünf verschiedene Arten zur Schau getragen, und man mag es kaum glauben, so wie die SPÖ ihrer Parteifarbe gemäß rote Nelken auftrug, präsentierten sich die „Blauen“ von der FPÖ mit blauen Kornblumen. Doch Centaurus cyanus wurde zum Stein des Anstosses, weil diese Blume in den 30er Jahren nach dem Verbot der NSDAP durch Kanzler Dollfuß auch von den Nationalsozialisten in Österreich getragen wurde – unter anderem.

Dies ist allerdings bei weitem nicht die einzige historische und politisch-kulturelle Zuordnung, die zur Kornblume getätigt werden kann. Die Kornblume war ab etwa dem Jahre 1879 beispielsweise auch die Parteiblume der so genannten Schönerer-Bewegung in Österreich, dessen Alldeutsche Vereinigung die Kornblume als Symbol der deutschen Treue ansah. Seit 1935 ist eine stilisierte Kornblume Teil des Logos des Vereins für das Deutschtum im Ausland (VDA) und auch bis heute beibehalten,  wenn auch in modernisierter Form. Aber die Kornblume war auch zentrales Symbol der Romantik, die eine maßgebliche Strömung unserer Kultur ausmacht. Die blaue Blume wurde als Symbol wesentlich für das Streben nach der Erkenntnis, ja in Anlehnung an das delphisch-antike gnothi seauton,  nach dem „erkenne dich selbst“ interpretiert, welches einer sich als identitär verstehenden Partei durchaus gut zu Gesicht steht.

Die Kornblume war also nicht allein das Zeichen der 22. SS-Freiwilligen-Kavallerie-Division Maria Theresia, sondern wurzelt tiefer in der deutschen Kultur. So verwandte der bedeutende frühromantische Maler Philipp Otto Runge in zahlreichen Gemälden das Motiv der blauen Blume oder verfasste auch der Oberschlesier Joseph Freiherr von Eichendorf ein Gedicht mit dem Titel „Die blaue Blume“. Ja bereits die römische Göttin der Ernte und Fruchtbarkeit, Ceres, trug eine Kornblume im Haar. Heute ist sie in Schweden das Parteisymbol der Liberalen, in Frankreich ein Zeichen des Gedenkens an Kriegsopfer und in Estland seit 1968 sogar die Nationalblume. Von daher dürfte die aufgesetzte Empörung in Österreich über die freiheitliche Blume lediglich als ein Ausdruck hilflosen argumentativen Notstands gegenüber der Ernte, welche die Freiheitlichen von Wahlgang zu Wahlgang in jüngster Zeit in Österreich einfahren konnten, angesehen werden. Man mag nur hoffen, dass zügig wieder zur thematischen Auseinandersetzung in der politischen Gestaltung zurückgefunden wird und derartige sachfremde Nebenkriegsschauplätze botanischer Symbolik nicht allzu sehr ins Kraut schießen.

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