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Börsen-Crash per Computer

Analysten warnen vor fatalen Folgen des elektronischen Börsenhandels

Mittwoch, 04 Juni 2014 00:42 geschrieben von  Jens Hastreiter
Analysten warnen vor fatalen Folgen des elektronischen Börsenhandels Bild: Windorias / pixelio.de

Frankfurt am Main - Am 28. Mai warnte die Europäische Zentralbank vor einem möglichen Börsen-Crash. Auslöser könnte ausgerechnet der rasante Anstieg des Computerhandels sein. Dessen Entwicklung könnte außer Kontrolle geraten.

Die Börsen melden Rekordkurse, doch die Banken klagen über Stagnation des Handelsgeschäfts. So brachen im ersten Quartal 2014 die Einnahmen im Aktienhandel von neun europäischen Investmentbanken um fast 20 Prozent ein. Dies ergab jetzt eine Studie der Mediobanca, eines italienischen Kreditinstituts, das vorwiegend im Bereich der Industriefinanzierung tätig ist. Vom Einbruch des Kapitalmarktgeschäfts seien auch die Deutsche Bank, Credit Suisse und UBS betroffen.

Der FTSEurofirst-Index der 300 größten börsennotierten Unternehmen Europas hat seit 2010 um 22 Prozent, der deutsche Leitindex Dax, der jüngst die bis dahin noch nie erreichte 10.000-Punkte-Marke knackte, um 66 Prozent zugelegt. Gleichzeitig stieg auch das Volumen der gehandelten Aktien. Die neun großen Investmentbanken, die gegen Gebühren die Transaktionen ausführen, konnten im Vergleichszeitraum nur stagnierende Einnahmen von etwa 40 Milliarden Dollar verbuchen. Sie bauten 10 Prozent der Arbeitsplätze im Aktienhandel ab.

Einige Institute mussten auch einen Rückgang im Aktienhandel hinnehmen. Die Citigroup rechnet für das laufende Quartal mit einem Einbruch um bis zu 25 Prozent, JPMorgan befürchtet einen Rückgang um 20 Prozent.

Mediobanca-Analyst Chris Wheeler sieht als mögliche Gründe für die schlechteren Geschäfte die elektronischen Handelssysteme und die Preiserwartungen der Kunden. Die Einnahmen, so Wheeler, seien durch den Trend zu elektronischem Handel deutlich unter Druck geraten. So sieht es auch Raikundlia, Analyst bei Banco Espírito Santo (BES), einer Handelsbank mit Sitz in Lissabon: „Alles wird elektronisch ausgeführt, die Margen schrumpfen.” Das Geschäft sei vor allem in Europa härter geworden.

Marco Bach, früher Aktienderivate-Händler, nun Finanzchef bei Forte Securities in Großbritannien, meint, Aktien hätten als Anlage unter der Finanzkrise gelitten. Bei Termingeschäften und Optionen seien die Margen noch stärker gesunken als bei Aktien.

Die zunehmende Regulierung nach der Finanzkrise drückt ebenfalls auf das Geschäft. Weil die Banken im Eigenhandel nicht mehr so große Risiken eingehen dürfen, nehmen sie weniger ein. Hier sehen manche Experten ein Risiko, weil sich die Banken zunehmend aus ihrer Rolle als Marktmacher zurückzögen. Durch eigene Bestände und das Ermitteln von Kauf- und Verkaufspreisen sicherten sie die Handelbarkeit bestimmter Wertpapiere. Nun könnten Fondsmanager oft größere Transaktionen nicht mehr nur über eine Bank abwickeln, sondern müssten die Order aufteilen.

Yannick Naud, Fondsmanager bei Sturgeon Capital, meint, weil die Banken nicht mehr wie früher Marktmacher sind, die Wertpapiere für den Handel im Bestand halten, könnte dies in Zukunft zu mehr Volatilität im Markt führen. Der superschnelle Computerhandel, das sogenannte Algo-Trading, blähe das Handelsvolumen auf und überdecke, dass es eigentlich an Liquidität im Markt fehle. Doch ohne Liquidität könne kein fairer Preis für ein Wertpapier ermittelt werden.

Für Martin Hellmich, Professor an der Frankfurt School of Finance, bedeutet diese Liquiditätslücke, die nicht durch andere Marktteilnehmer gefüllt werden kann, ein ernstes Problem in einem Krisenszenario. Diese Entwicklung könnte die EZB zu ihrer Crash-Warnung am 28. Mai veranlasst haben. Nun könnte die EZB besorgt sein, die Kontrolle über das System zu verlieren. Dabei hat sie das Problem durch massives Gelddrucken selbst geschaffen. Eigentlich müsste sie, um den Crash zu verhindern, das System stabilisieren. Doch wird erwartet, dass die EZB den Markt mit noch mehr Geld überschwemmen wird, um eine angebliche Deflation zu verhindern.

Bundesfinanzminister Schäuble sieht dagegen keine Gefahr einer Deflation in der Eurozone. Er vertritt die Auffassung, dass das Zinsniveau mittelfristig aus deutscher Sicht zu niedrig sei, die Situation in anderen europäischen Ländern aber ganz anders.

Hier liegt eines der Grundprobleme der Gemeinschaftswährung, das eine gemeinsame Geldpolitik in Europa fast unmöglich macht.

Der Computerhandel ist auch aus anderen Gründen nicht unproblematisch. So führte erst Mitte Mai ein Handelsfehler bei Barclays für Sekundenbruchteile zu Kursausschlägen bei Dutzenden von US-Aktien - darunter bei AOL und Caterpillar. Den Angaben von „Bloomberg News“ zufolge ereigneten sich die Vorfälle am 13. Mai, als einige Orders, die an den Handelsschluß gebunden waren, falsch eingegeben wurden, wodurch die Transaktionen sofort ausgeführt wurden. Barclays-Kunden waren finanziell nicht betroffen, hieß es weiter. Alles in allem hätten weniger als vier Millionen Dollar auf dem Spiel gestanden. Kerrie Cohen, eine Sprecherin des Unternehmens, wollte gegenüber „Bloomberg News“ keinen Kommentar abgeben.

Laut dem Börsenunternehmen Nanex, das Handelsstörungen untersucht, waren mindestens 28 Aktien involviert. AOL sei mit einem Einbruch von 11 Prozent am stärksten betroffen gewesen. In weniger als einer Sekunde seien die Preise freilich wieder auf das Niveau zurückgekehrt, auf dem sie sich vor dem Fehler befunden hätten. Nach einer Prüfung stornierten Börsen einen Teil der AOL-Transaktionen, während andere nicht angefasst wurden.

Der Finanzdienstleister Knight Capital Group war an den Rane des Ruins getrieben worden, als im August 2012 auf Grund eines Computerfehlers inkorrekte Orders an die Börsen geschickt wurden, was zu einem Verlust von mehr als 450 Millionen Dollar führte. Seit damals stehen fehlerhafte Aktien-Orders unter besonderer Beobachtung der Aufsicht.

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