www.derfflinger.de

Freigegeben in Wirtschaft

"Kein substanzieller Lösungsvorschlag“

Berlin weist Athens Hilfsantrag zurück

Freitag, 20 Februar 2015 22:59 geschrieben von  Enno-Martin Cramer
Nationalflagge Griechenlands Nationalflagge Griechenlands

Athen - Die Bundesregierung hat den Antrag Griechenlands auf Verlängerung der Finanzhilfen abgelehnt. Der Brief aus Athen sei „kein substanzieller Lösungsvorschlag“, ließ Finanzminister Wolfgang Schäuble verlautbaren. Die Griechen hatten den lange angekündigten Antrag am Donnerstagmorgen auf den Weg gebracht. Ein Regierungssprecher in Athen erklärte dazu, die Euro-Finanzminister hätten nur die Optionen, dem griechischen Vorschlag zuzustimmen oder diesen abzulehnen. Die Entscheidung der Euro-Gruppe werde offenbaren, wer eine Lösung wolle und wer nicht.

In seinem Brief fordert der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis von den Geldgebern Flexibilität. Er selbst macht aber weder konkrete Zusagen, noch nennt er Zahlen. Die „Süddeutsche Zeitung“ befürchtet daher, dass Athens Schreiben die Krise nur weiter verschärfen wird. Das „Handelsblatt“ berichtete hingegen von einem Hoffnungsschimmer: Bundeskanzlerin Merkel habe mit ihrem griechischen Amtskollegen Tsipras telefoniert, möglicherweise könnte in letzter Minute doch noch eine Einigung erzielt werden. Der Mannheimer Wirtschaftsforscher Hans-Peter Grüner warnte unterdessen im „Handelsblatt“ vor den Risiken eines möglichen Ausscheidens Griechenlands aus der Euro-Zone: „Die Einführung einer neuen Währung und die Umstellung alter Verbindlichkeiten auf diese neue Währung würden in Griechenland zu einem wirtschaftlichen Chaos führen“, so Grüner.

Das griechische Onlineportal „To Vima“ kritisierte am Freitag die Art und Weise, wie Bundesfinanzminister Schäuble den griechischen Antrag abgelehnt hat, und ruft Berlin auf, Kompromissbereitschaft zu zeigen: „Die Rolle Deutschlands ist in der Tat wichtig, aber das bedeutet nicht, dass überall und immer die Ansichten der deutschen Führung durchgesetzt werden müssen. Dies gilt umso mehr, wenn es scheint, dass die deutsche Führung nicht einstimmig hinter den Absichten Schäubles steht, Griechenland zu bestrafen. Es ist die Aufgabe aller anderen europäischen Mächte in der Eurogruppe, dazu beizutragen, den notwendigen Kompromiss zu erreichen. Die griechische Regierung hat einen wichtigen Schritt gemacht, indem sie einen Rückzug von ihren Positionen vorgenommen hat. Europa kann und sollte einen kleinen Schritt zurück machen im Interesse aller Bürger.“

In ihrer Freitagsausgabe nimmt die Tageszeitung „Die Welt“ hingegen Schäuble in Schutz. In einem Beitrag zum Schuldenstreit mit Athen heißt es: „Auch einem Mann wie Schäuble, der für seine trockene Sachlichkeit berühmt ist, scheint nun der Geduldsfaden zu reißen. Es geht (…) um wochenlanges Schachern zwischen EU und Athen – mit der Maßgabe, zu einem Kompromiss zu kommen, der zwar den Griechen bestmögliche Gesichtswahrung lässt, ihnen aber nicht wie ein Sieg vorkommen soll, der Nachahmer in Europa findet. Ja, Wolfgang Schäuble ist ein äußerst bürokratischer Politiker. Aber ist das schlecht? Er ist ein weltläufiger Routinier, ein Purist, der die Interessen der deutschen Steuerzahler und damit jener ganz Europas verteidigt, und er ist mit seiner Fairness bisher gut gefahren. (…) Sehen wir das Statement des Finanzministers wie einen Weckruf. Kein anderer seiner Kollegen hätte sich Derartiges getraut. Es ist genau die Sprache, die Athen versteht.“

Artikel bewerten
(4 Stimmen)