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Kommt die Groß-Schweiz?

Bis jetzt nur virtuell: Die Erweiterung der Eidgenossenschaft um einige Nachbarländer

Freitag, 01 August 2014 10:28 geschrieben von  Jens Hastreiter
Flagge der Schweiz Flagge der Schweiz Quelle: wikipedia.org

Bern - Man weiß nicht so recht, ob es sich um einen verspäteten Aprilscherz handelt oder um eine Retourkutsche für die naßforsche Drohung des früheren SPD-Bundesfinanzministers Peer Steinbrück, bei der Fahndung nach deutschen Steuersündern notfalls wie die US-Kavallerie in die Schweiz einzufallen. Zumindest berichtet ein Nachrichtenmagazin jetzt über Schweizer Überlegungen, sich Teile der Nachbarländer einzuverleiben.

„Immer mehr Nachbarregionen wollen der Schweiz beitreten.“ Mit dieser Behauptung beginnt ein Artikel des Schweizer Nachrichtenportals „20min.ch“. Dort wird weiter behauptet: nach Baden-Württemberg und der Lombardei zeige nunmehr auch Südtirol Interesse an einem Beitritt zur Eidgenossenschaft.

Die angebliche Beitrittssehnsucht beflügelt offenbar Schweizer Großmachtfantasien: „So sähe die neue Großmacht Schweiz aus“, ist der Artikel überschrieben. Er präsentiert eine Landkarte, auf der nicht nur die Schweiz, sondern auch der Süden der Bundesrepublik, Südtirol, die Lombardei und sogar Sardinien rot eingefärbt sind. Und über allem: die eidgenössische Fahne.

Will man den Spekulationen Glauben schenken, können einige der deutschen Bundesländer es kaum erwarten, sich der Alpenrepublik anzuschließen. Eine OECD-Studie zeige, daß Baden-Württemberg und Bayern besser zur Schweiz paßten als zum übrigen Deutschland, wird argumentiert. Nur der anvisierte Anschluß Sardiniens steht auf reichlich virtuellen Füßen – dafür muß eine sardinische Facebookgruppe namens „Canton Marittimo“ herhalten, die bereits über 5500 Mitglieder hat. Außerdem wird noch eine für Oktober geplante Konferenz in Bozen mit dem Titel „Kanton Südtirol – Utopie oder Modell?“ erwähnt, ebenso eine Online-Petition für den Beitritt der Lombardei, die 2012 mehr als 20.000 Italiener unterschrieben haben sollen.

Rein hypothetisch hätte die solcherart erweiterte Schweiz eine rund dreimal so große Fläche wie heute und wäre damit größer als Griechenland. Und statt gut 8 Millionen gäbe es dann plötzlich mehr als 30 Millionen Schweizer.

Völlig aus der Luft gegriffen sind die Erweiterungsphantasien aber nicht: im Juli 2010 forderte ein Nationalrat der Schweizerischen Volkspartei (SVP), die Bundesverfassung zu ändern, damit Baden-Württemberg, das österreichische Bundesland Vorarlberg sowie Teile Frankreichs (Elsaß, Jura, Savoyen) und Italiens (Aosta, Bozen, Varese und Como) der Schweiz beitreten könnten. Und: bereits Napoleon wollte die Alpenstaaten vereinigen.

Aus volkswirtschaftlicher Perspektive kann der Schweizer Politikwissenschaftler Albert Stahel vom Institut für Strategische Studien in Wädenswil dem Vorschlag durchaus etwas abgewinnen: „Die ökonomisch interessantesten Gebiete in Mitteleuropa liegen im Süden“, argumentiert Stahel. „Deshalb würde ein Zusammenschluß wirtschaftlich große Möglichkeiten bieten.“

Der Schweizer Professor stellt allerdings im gleichen Zug klar, daß nur ein gleichberechtigter Zusammenschluß in Frage käme – und nicht, daß sich die Schweiz deutsche Bundesländer als neue Kantone einverleibt: „Diese politischen Großmachtfantasien sind völlig idiotisch, davon sollte man die Finger lassen“, sagt Stahel. Von einer Konföderation jedoch, einem Zusammenschluß selbständiger Einheiten, könnten seiner Meinung nach neben der Schweiz auch Bayern, Baden-Württemberg, der österreichische Bundesland Vorarlberg, Südtirol und die Lombardei profitieren.

Das Nachrichtenportal „20min.ch“ ließ seine Leser schon einmal probeweise abstimmen. Das Ergebnis fiel relativ eindeutig aus: mehr als 80 Prozent sollen dafür gestimmt haben, daß die Schweiz neue Kantone aus dem Ausland aufnimmt. Einziges Problem: Abstimmung und Ergebnis sind rein virtuell. In der Reaität ist der Weg zur Groß-Schweiz wohl noch ein wenig länger.

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