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Bank für Internationalen Zahlungsausgleich

BIZ-Chefökonom erkennt potentielle Krisensymptome und fordert die Zentralbanken auf, mehr auf Finanzstabilität zu achten!

Dienstag, 21 Oktober 2014 03:45 geschrieben von  Rüdiger Dietrich
Claudio Borio (BIZ) Claudio Borio (BIZ) Quelle: © Frank Rumpenhorst

Frankfurt am Main - In einem ausführlichen Interview mit der „Welt“ äußert sich der Chef-Ökonom der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) Claudio Borio kritisch zur lockeren Geldpolitik der Zentralbanken - beispielsweise ließ auch die FED durchklingen, womöglich doch länger als jüngst geplant an der Niedrigzinspolitik festzuhalten - und wies auf bestimmte Krisensymptome hin. Borio arbeitete schon unter seinem Vorgänger William White in der selben BIZ-Abteilung, als dieser seinerzeit vor der Finanzkrise 2007/2008 warnte. In seinem aktuellen Interview ließ er unmißverständlich verlauten: “Die jetzige Konstellation scheint nicht nachhaltig und hat bereits zu gewissen Übertreibungen geführt. In dieser Hinsicht ähnelt die Situation durchaus der Phase vor der Finanzkrise, als wir ebenfalls vor zu viel billigem Geld gewarnt haben”. Es habe sich, laut dem BIZ-Banker, zwar mit Blick auf die Bankenregulierung vieles getan, jedoch sieht er vergleichbar zu der Situation vor etwa sieben Jahren das weltweite Zinsniveau für eine langfristige Preis- und Finanzstabilität zu niedrig.

Die BIZ wird häufig als die Zentralbank der Zentralbanken bezeichnet, und umso interessanter sind Aussagen zur Zentralbankensituation aus diesem Hause. Hinsichtlich der Frage, wie die Mandate zu formulieren seien, bekräftigte Borio die BIZ-Haltung, daß es die Notenbanken zu sehr einschränke, wenn man sie verpflichte, innerhalb von ein oder zwei Jahren ein bestimmtes Inflationsziel zu erreichen, ohne auf irgendetwas anderes zu achten. In der auf mögliche Krisensymptome ausgerichteten vergleichenden Betrachtung weist der Bankenökonom auf eine von teils explodierenden Immobilienpreisen begleitete Ausweitung des Kreditvolumens hin, wobei eine Verlagerung von Bankkredit- zu Kapitalmarktfinanzierungen zu beobachten sei. Hier sei eine Parallele zu den Entwicklungen vor der Finanzkrise unübersehbar, ebenso beim Managerverhalten, die liquiden Mittel lieber in Übernahmen und Aktienrückkäufe zu stecken, anstatt zu investieren. Borio interpretierte dies unzweifelhaft mit den Worten: „Das ist ein klares Signal, daß etwas schiefläuft.“

Aus Sicht der BIZ kann der Ökonom auch die Freude der meisten europäischen Politiker über die geringen Schwankungen an den Märkten nicht unreflektiert nachvollziehen, da die Geschichte lehre, daß geringe Volatilität und geringe Risikoaufschläge nicht zwingend ein Anzeichen für tatsächlich geringes Risiko darstellten, sondern vielmehr nur für eine hohe Risikobereitschaft der Investoren sprächen. „Auch im Vorfeld der Krise von 2007 waren die Risikoaufschläge bei den Zinsen und die Volatilität an den Finanzmärkten sehr niedrig“, erinnert Borio. Claudio Borio erkennt im Versuch der Notenbanken, eine Feinsteuerung der Märkte vorzunehmen sogar ein Risiko, und empfiehlt diesen, eine längerfristige Perspektive im Blick zu behalten, da sich dadurch im Gegensatz zur heutigen Widersprüchlichkeit  dann Preis- und Finanzstabilität eher ergänzen würden. Borio sagte hierzu: „Sie (Anm.: die Zentralbank) muß die Märkte leiten – es darf nicht passieren, dass sich das Verhältnis umkehrt und die Märkte die Zentralbank lenken.“ Im Gegensatz zur Finanzwirtschaft zeigt sich die Realwirtschaft gegenwärtig jedoch wenig Risikofreudig.

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