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Generalis neues Versicherungsmodell

Der nächste Schritt in Richtung "gläserner Patient"?

Samstag, 22 November 2014 18:14 geschrieben von  Susanne Hagel
Der nächste Schritt in Richtung "gläserner Patient"? Quelle: generali-deutschland.de

Magdeburg - Die Versicherung Generali wirbt künftig mit Vergünstigungen bei gesunder Lebensweise. Nachweisen muss der Versicherte dies elektronisch mithilfe einer App.

Wer sich gesund ernährt, regelmäßig Sport treibt und auch sonst gesund lebt, soll von der Versicherungsgruppe in Zukunft belohnt werden - wenn er zustimmt, persönliche Daten, die seinen gesunden Lebensstil dokumentieren, an seinen Versicherer weiterzuleiten. Telemonitoring nennt sich die elektronische Übermittlung der Daten, die über eine App erfolgt. Darin wird, neben Vorsorgeterminen, die Ernährung dokumentiert oder etwa sportliche Aktivitäten, beispielsweise mit einem Schrittzähler, gemessen. "Damit stärken wir die Bindung zu unseren Kunden", erklärt Generalichef Mario Greco. "Außerdem beeinflussen wir das Verhalten unserer Kunden, und gesündere Kunden sind besser für uns." Gesündere Kunden kosten die Versicherungen weniger Geld. Das Interesse der Versicherer an einem gesundem Lebensstil ihrer Kunden ist entsprechend groß.

Auch andere Versicherungen wie Allianz und Axa arbeiten an solchen Projekten. United Healthcare, ein amerikanische Krankenversicherer, bietet dieses Modell bereits seit drei Jahren an: wer täglich nachweist, eine bestimmte Anzahl Schritte gemacht zu haben, bekommt einen finanziellen Nachlass. Auch Autoversicherungen wollen mithilfe von Sendern im Auto des Fahrzeughalters dessen Fahrverhalten ermitteln um ihn entsprechend einstufen zu können.

"Big Data" nennt man den Trend der Unternehmen, möglichst umfassend und viel über ihre Kunden in Erfahrung zu bringen. So können sie diese besser analysieren und - im Falle der Versicherer - entsprechend ihrem Risiko einstufen. Bisher verhalten sich die Deutschen dieser Form der Datensammlung gegenüber skeptisch. Zu groß ist die Angst, dass die Persönlichkeitsrechte des Einzelnen verletzt werden.

"Wenn Versicherte individuelle Informationen preisgeben müssen, um rabattierte Angebote zu erhalten, sehe ich das sehr kritisch", sagt auch Peter Grieble von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. "Der Kunde weiß ja gar nicht, wie seine Daten im Konzern verarbeitet werden, und wer Zugriff darauf hat." Die Versicherer halten dagegen, die Einwilligung zur Übertragung der Daten liege ja beim Kunden und eine Versicherung kenne ohnehin sehr viele sensible Informationen, wie etwa Diagnosen,  des Kunden. Felix Hufeld, oberster Versicherungsaufseher bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht Bafin, sieht eine weitere Gefahr durch die Einführung solcher Modelle: "Wenn wir den Gedanken zu Ende denken, kann das letztlich zu einer Atomisierung des Kollektivs führen." Versicherungen basierten darauf, dass eine große Gruppe einzahle und somit Geld für eine kleinere Gruppe, die Kranken in diesem Falle, zur Verfügung stehe. Reduzierte sich die Anzahl der gesunden Einzahler, weil diese in Versicherungen wechseln, die ihren positiven Lebensstil belohnten, könne dies nicht ohne Folgen für den Versicherungsgedanken an sich bleiben, mahnt Hufeld.

Durchdenkt man dieses Thema, fragt man sich unweigerlich, ob man dereinst wohl grundsätzlich höhere Beiträge zahlen muss, wenn man zu jenen gehört, die ihre Daten nicht preisgeben wollen. Aus Sicht der Versicherer gehört man dann zu einer unkalkulierbaren Gruppe und dürfte allein schon deshalb als verdächtig gelten.

Paul-Michel Foucault beschrieb in den Siebzigern, dass einst die Macht bei denen liegen wird, die schweigen und beobachten und nicht bei denen, die sprechen und über sich Auskunft geben. Selbstauskünfte seien subjektbildend: sie machen das Individuum sichtbar und kalkulierbar. Der gläserne Mensch - zunächst noch freiwillig - scheint nicht mehr allzu fern.

Letzte Änderung am Sonntag, 23 November 2014 02:57
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