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Ifo-Chef Prof. Hans-Werner Sinn

Der personifizierte Widerspruch zur aktuellen Politik

Freitag, 18 Juli 2014 11:03 geschrieben von  Gerhard Keil
Prof. Dr. Hans-Werner Sinn Prof. Dr. Hans-Werner Sinn

München - Der renommierte Chef des Münchner ifo-Instituts Prof. Hans-Werner Sinn, der jüngst mit „Die Target-Falle“ auch als Fachbuchautor auf sich aufmerksam machte, entwickelt sich immer mehr zu einem personifizierten Widerspruch zur gegenwärtigen Bundes- und Europapolitik. Sinn, der von Anfang an Kritik an der Euro-Rettungspolitik übte, verurteilt die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) unter Mario Draghi scharf. Die künstlich niedrig gehaltenen Zinsen, die in keiner Weise eine marktgerechte Entwicklung darstellen, bezeichnet der erfahrene Ökonom als einen strukturpolitischen Fehlanreiz, der unrentable Unternehmungen im Markt hält und einen Strukturwandel behindert. Zudem prophezeit Sinn eine dadurch induzierte Fortsetzung der Schuldenwirtschaft sowohl auf staatlicher, als auch auf Bankenebene. Mit Blick auf die Privathaushalte sieht er zudem die Gefahr, durch billiges Geld eine gefährliche Schieflage im Immobiliensektor einzuleiten.

Hinsichtlich des sogenannten Bankenstreßtests durch die EZB gibt sich der Wirtschaftsprofessor nicht weniger kritisch. Sinn warnt davor, daß die EZB gleich dem Ankaufprogramm für Staatsanleihen ebenso dazu übergehen könnte, ggf. den Ankauf von Krediten mit schlechter Bonität in Aussicht zu stellen, wodurch eine bilanzkosmetische Überbewertung vieler bedenklicher Kredite in den Bankenportfolios verursacht würde, ohne daß damit jedoch eine wirtschaftliche Gesundung auf irgendeinem Bereich einherginge. Mit einer so gearteten Zentralbankpolitik könnten auch prekäre Finanzhäuser relativ streßfrei den Streßtest bestehen.

Nicht minder heftig geht der ifo-Chef mit intransparenten Haushaltstricks ins Gericht, mit denen das Reißen der Schuldenobergrenze von drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) verschleiert werden soll. Er weist in diesem Zusammenhang beispielsweise darauf hin, daß künftig Militär-, Bildungs- und Forschungsausgaben nicht mehr zu den mitzurechnenden Staatsausgaben gezählt werden sollen. Darüber hinaus ist es dem kritischen Professor zu verdanken, darüber aufgeklärt worden zu sein, daß die Behauptung von EU-Kommission und Bundesfinanzminister Schäuble, Griechenland habe 2013 erstmals wieder einen Primärüberschuß von 0,8 % des BIP erzielt, schlichtweg die Unwahrheit ist. Vielmehr belegen nämlich die Zahlen von Eurostat selbst, daß es sich stattdessen um ein Primädefizit von 8,7 % handelte.

Die Art und Weise, wie sich Prof. Hans-Werner Sinn um Aufklärung bemüht und in seinem Engagement ohne Rücksicht auf Rang, Namen und Institutionen selbst die unangenehmsten Fakten offen ausspricht, verdient das Prädikat zivilcouragiert. Und in der Tat unterwirft er sich keiner Meinungsgleichschaltung, wagte er es sogar, im Rahmen des neu aufgeflammten West-Ost-Konflikts mit Blick auf TTIP-Verhandlungen und Ukrainekrise bislang ungehörte Einschätzungen in der ihm eigenen Offenheit auszusprechen. Ließ er doch durchblicken, daß sich ein Einschluß Rußlands in ein Freihandelsabkommen für alle Beteiligten als wahre Goldgrube erweisen könnte, da der Freihandel mit einem Land, dessen Spezialisierung auf Rohstoffe komplementär zur Industrie-Spezialisierung Westeuropas liegt, größere Handelsgewinne verspräche, als der Freihandel zwischen ähnlichen Volkswirtschaften.“

Letzte Änderung am Freitag, 18 Juli 2014 22:24
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