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Die Bumerang-Sanktionen

Europa stellt sich auch in Lateinamerika mit seiner Boykott-Politik selbst ein Bein

Mittwoch, 20 August 2014 14:28 geschrieben von  Jens Hastreiter
Apfelernte Apfelernte Quelle: pixabay.com

Brüssel - Vor der Kulisse der aktuellen Sanktionen gegen Russland entlarvt sich die EU als zunehmend intolerant und plötzlich gar nicht mehr marktliberal. Den Handel mit Russland will sie neuerdings nicht nur sich selbst, sondern auch anderen Ländern verbieten.

Besonders ins Visier der Brüsseler Boykotteure rückten vor dem Hintergrund der Sanktions-Hysterie lateinamerikanische Länder. Brüssel drohte ihnen förmlich für den Fall, dass sie ihre Handelsbeziehungen zu Russland aufrechterhielten und womöglich Marktnischen europäischer Lieferanten besetzten, aus denen sich diese im Zuge der Sanktionen derzeit selbst verabschieden.

Aber: die Brüsseler Drohungen gegenüber Lateinamerika bezüglich einiger geplanter Handelsabkommen zur Belieferung des russischen Marktes mit Lebensmitteln lassen die Staaten jenseits des Atlantiks kalt. Alle betroffenen Länder wollen am Ausbau der Handelsbeziehungen mit Rußland festhalten.

Bei den Regierungen und Unternehmen der betroffenen Länder fallen die europäischen Drohungen nicht auf fruchtbaren Boden. Chilenische Produzenten bereiten demnach bereits die Lieferung von Trockenpflaumen, Lachs, Äpfeln und anderen Produkten in die Russische Föderation vor. Auch in Ecuador freut man sich über die neuen Exportchancen. So findet der ecuadorianische Präsident Rafael Correa deutliche Worte. Ecuador werde „absolut niemanden um Erlaubnis bitten, um Nahrungsmittel an befreundete Länder zu liefern“, so der Präsident.

Der brasilianische Landwirtschaftsminister Seneri Paludo bezeichnete das Interesse Russlands gar als „Revolution bei den Exporten“. Mindestens 90 brasilianische Unternehmen sollen demnach Russland mit Fleisch von Schweinen, Rindern und Hühnern beliefern. Auch Argentinien, das derzeit mit massiven wirtschaftlichen Problemen kämpft, will mit seinen Produkten den russischen Markt erobern und damit positive Impulse für die eigene Wirtschaft auslösen.

Beobachtern der internationalen Politik drängt sich in diesen Wochen förmlich die Einsicht auf, dass das Säbelrasseln der westlichen Industrieländer für immer mehr Staaten dieser Welt kein überzeugendes Argument mehr ist. Jahrzehntelang waren viele Volkswirtschaften von Europa und den USA abhängig, doch diese Zeiten scheinen unwiderruflich vorbei. In der „multipolaren“ Weltordnung des 21. Jahrhunderts spielen neue Akteure wie China und Russland eine immer wichtigere Rolle und eröffnen den aufstrebenden Ländern neue Möglichkeiten.

Im sogenannten lateinamerikanischen „Hinterhof“ der USA scheinen die Ukraine-Krise und in ihrem Gefolge der Sanktionen der Europäer den Emanzipationsprozess von den USA und Europa geradezu zu befeuern. Lateinamerika besinnt sich zunehmend auf seine eigenen Stärken – Brüssel braucht es dazu nicht.

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