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Mario Draghi weiß sich durchzusetzen

EZB beginnt mit Pfandbrief-Käufen

Donnerstag, 23 Oktober 2014 19:11 geschrieben von  Enno-Martin Cramer
EZB-Präsident: Mario Draghi EZB-Präsident: Mario Draghi Quelle: EZB

Frankfurt am Main - Heimlich, still und leise hat die Europäische Zentralbank (EZB) Anfang der Woche mit dem Ankauf von Pfandbriefen, sogenannten Covered Bonds, begonnen. Nach Angaben der Agentur Bloomberg soll es sich dabei um französische Papiere mit kurzer Laufzeit von der Société Générale und BNP Paribas sowie spanische Pfandbriefe handeln. Die Zentralbank selbst wollte sich zum Volumen der Käufe und zur Herkunft der Papiere bislang nicht äußern.

Die Pfandbriefkäufe sind der erste Teil eines im Juni und September beschlossenen Maßnahmenpakets, in dessen Rahmen demnächst auch Kreditverbriefungen, sogenannten Asset Backed Securities (ABS), angekauft werden sollen. Laut EZB-Präsident Mario Draghi sei dabei ein Volumen von bis zu einer Billion Euro möglich. Mit dem großangelegten Programm will die EZB den stockenden Kreditfluss in der Euro-Zone wieder in Schwung bringen. Indem sie Banken die Pfandbriefe und ABS-Papiere abkauft, so Draghis Kalkül, werde in deren Bilanzen Eigenkapital frei, das für neue Kredite an Firmen und Privathaushalte genutzt werden könne.

Viele bezweifeln jedoch nicht nur die Wirksamkeit des Programms, sondern auch, dass mit den Kreditverbriefungen ausgerechnet solche Papiere von der EZB aufgekauft werden sollen, die zu Beginn der Finanzkrise in den USA wie Brandbeschleuniger wirkten. Obwohl Draghi versichert hat, nur transparente und „sichere“ ABS zu kaufen, sollen offenbar auch Papiere mit Ramsch-Status aus Griechenland und Zypern gekauft werden. Kritiker wie Bundesbank-Chef Jens Weidmann, ifo-Präsident Hans-Werner Sinn oder der ehemalige EZB-Vorstand Jürgen Stark befürchten daher, dass die Zentralbank zu einer „Bad Bank“ werden könnte.

Dass Draghi & Co. beim Start ihrer Pfandbriefkäufe nun mit äußerster Diskretion vorgegangen sind, hat seine Gründe: Zum einen will die EZB erklärtermaßen die Bilanzen der Banken entlasten und so die Vergabe neuer Kredite ermöglichen, zum anderen will sie vermeiden, deutlich sichtbar als Großkäufer aufzutreten und dadurch die Preise in die Höhe zu treiben. Genau das wird nach Ansicht vieler Experten jedoch passieren, zunächst bei den Pfandbriefen und später auch bei den ABS.

Laut Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer habe die EZB am Markt bereits für „eine richtige Knappheit“ gesorgt, zumal sie schon in zwei früheren Programmen für viele Milliarden Euro gekauft habe. Da Covered Bonds als vergleichsweise sicher gelten, da auch das emittierende Institut für Ausfallrisiken haftet, werde zudem „bei der begebenden Bank gar kein Eigenkapital für neue Kredite freigesetzt“, kritisiert Bert Van Roosebeke, Finanzmarktexperte am Freiburger Centrum für Europäische Politik (CEP). Auch er fürchtet bei den Pfandbriefen eine Marktverzerrung durch den Auftritt der Zentralbank als Großkäufer: „Die EZB kann kaum vermeiden, dass sie die Preise treibt und letztlich für ein bestimmtes Risiko zu viel zahlt.“

Eine aktuelle Umfrage des Center for Financial Studies an der Frankfurter Goethe-Universität belegt, dass diese Skepsis bei Finanzmarktexperten weit verbreitet ist. Über 95 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass die EZB ihre Möglichkeiten zur Ankurbelung der Kreditvergabe bereits ausgeschöpft habe. Die Bereitschaft der Banken zu Vergabe von Krediten könne nur durch Strukturreformen in den Krisenländern vergrößert werden. Auch die von Draghi ins Spiel gebrachte und von manchen Ökonomen und Politikern unterstützte Option des massiven Ankaufs von Staatsanleihen nach dem Modell des „Quantitative Easing“ der US-Notenbank Fed wird von 87 Prozent der Umfrageteilnehmer verworfen.

Grundsätzlich stellt sich nicht nur die Frage, ob die lockere Geldpolitik der EZB in Verbindung mit niedrigen Zinsen und Pfandbrief- und ABS-Käufen zu mehr Kreditvergaben führt. Selbst wenn dies der Fall wäre, dürfte es fraglich sein, ob die Unternehmen mit dem Geld tatsächlich neue Investitionen tätigen oder nicht doch eher Übernahmen und Aktienkäufe finanzieren würden.

Genau diese Tendenz beobachtet Claudio Borio, Chefvolkswirt der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), die gewissermaßen das Dachinstitut der Zentralbanken darstellt, schon jetzt. In einem Interview mit der Tageszeitung „Die Welt“ warnte Borio vor der Gefahr neuer Übertreibungen an den Finanzmärkten. In dieser Hinsicht weise die derzeitige Situation gewisse Ähnlichkeiten auf mit „der Phase vor der Finanzkrise, als wir ebenfalls vor zu viel billigem Geld gewarnt haben“, so der BIZ-Ökonom. Es entstehe eine Blase – und wenn die „erst einmal platzt, hat das ernsthafte Folgen sowohl für die Finanzstabilität als auch die Preisstabilität“. Nach Meinung maßgeblicher Experten wird sich Draghis geldpolitischer Kurs also nicht als Segen für die Wirtschaft Europas erweisen, sondern könnte geradezu katastrophale Folgen nach sich ziehen.

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