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„Das nimmt kein gutes Ende“

Fernsehen mit Mehrwert: Auf „arte“ packte ein Finanz-Insider aus

Samstag, 21 Juni 2014 15:36 geschrieben von  Jens Hastreiter
Fernsehen mit Mehrwert: Auf „arte“ packte ein Finanz-Insider aus Quelle: arte.de

Mainz - Das war zur Abwechslung einmal Zeit vor dem Fernseher, die sich gelohnt hat. Die Rede ist von der „arte“-Dokumentation „Masters of the Universe“, die vor ein paar Tagen, am 17. Juni, über die Bildschirme flimmerte. Einer der „Master“, der jahrzehntelang als Investmentbanker tätige Rainer Voss, plauderte darin aus dem Nähkästchen seiner Zunft – und brachte außerordentlich brisante und entlarvende Details an die Öffentlichkeit.

Voss hat im Laufe seiner Karriere für zahlreiche Banken gearbeitet und hatte Büros an allen großen Finanzplätzen der Welt. Vor allem aber: er bewegte Unsummen an Geld. Und erklärt freimütig: „Ich habe seit meinem ersten Arbeitstag mehr verdient als mein Vater als Heizungsingenieur an seinem Lebensende.“

Das Gefährliche daran: Finanz-Funktionäre wie Voss üben mit ein paar Mausklicks ungeheure Macht aus und verfügen über praktisch unbegrenzte Möglichkeiten, mit ihren Transaktionen Kommunen, aber auch ganze Volkswirtschaften und Währungen ins Verderben zu stoßen. Derzeit bekommen diese Macht vor allem Kommunen und mittelständische Unternehmen zu spüren. „An die sind massiv Zinswetten verkauft worden“, erzählt Voss. „Zum Beispiel Wetten auf die Veränderung der Zinskurve zwischen dem Schweizer Franken und dem Yen. Das ist nun mal eine Position, mit der deutsche Gemeinden gar nichts zu tun haben.“ Riskant für die Anleger ist dabei, dass Kommunen und kleinere Unternehmen immer einen Wissensrückstand gegenüber den Banken haben. Sie können die Risiken nicht exakt einschätzen – und verzocken deshalb immer wieder große Summen. Den Schaden trägt die Allgemeinheit.

Ein größeres Kaliber war die Erpressung Griechenlands durch die Geldinstitute. Diese hätten sich die unterschiedliche Behandlung griechischer Anleihen nationalen und internationalen Rechts zunutze gemacht. Während der Staat bei nationalrechtlichen Anleihen sagen könne „Statt 10.000 Euro kriegt ihr nur noch 4000 Euro“, sei das bei den Internationalen anders. Halten Investoren genügend Anleihen, haben sie ein Vetorecht. „Sie haben Griechenland unter Druck gesetzt, indem sie sagten ‚Entweder ihr zahlt alles aus oder wir lassen das Ding platzen‘“, erklärt Finanzmanager Rainer Voss. Griechenland habe am Ende nachgegeben, und die Banken hatten gewonnen. Sie hatten gezielt wertgeminderte Scheine internationalen Rechts gekauft und den ursprünglichen Preis ausgezahlt bekommen.

Griechenland ist aber nicht das einzige Opfer der Finanz-Zocker. Voss: „Es gibt Leute, die haben ein Interesse daran, dass der Euro zerbricht.“ Denn: „Darin steckt gigantisches Gewinnpotential.“ Es seien Geldsummen unterwegs, mit denen man inzwischen ganze Länder angreifen kann. „Man fängt mit dem kleinsten Land an, Griechenland. Dann Portugal, Spanien und Italien. Als nächstes Frankreich.“ Frankreich sei wegen seiner schwächelnden Wirtschaft ohnehin ein Problemkandidat. Kippt Frankreich, „ist es aus, Game Over“. „Ich glaube nicht, dass das ein gutes Ende nimmt.“

Und noch eine entlarvende Schätzung von Voss: „Am Ende meiner Karriere hat sich die Zahl der Rechtsanwälte, mit denen ich zu tun hatte, im Vergleich zu den 90ern verzehnfacht“, sagt er. „Die Bedeutung von potentiellen Schäden aus schwebenden Rechtsstreitigkeiten wird immer größer.“ Der Grund: Die Jagd nach immer höherer Rendite verschiebe das Geschäft in Richtung Illegalität.

Die Schuldigen an den Skandalen der jüngeren Vergangenheit waren zumindest in der Öffentlichkeit immer einzelne Banker. Aber für Insider Voss geht es nicht um einzelne Exponenten: „Das liegt am System, Die Händler sind keine Führungskräfte.“ Man könne sie mit Chef-Schraubern am Band bei Daimler vergleichen. Dennoch seien die Händler in der Lage, großen Schaden anzurichten – sie bewegen enorme Summen. Was treibt sie zu den hohen Risiken? „Der ständige Druck“, sagt Voss. Es gelte die Vorgabe: „Jedes Jahr zehn Prozent mehr. Wie du das machst, ist mir egal.“

Wie leicht ein solches Vabanque-Spiel zum Eigentor werden kann, haben die Finanzskandale der letzten Jahre vor Augen geführt. Geändert hat sich an der Risikoanfälligkeit der Bankenlandschaft aber praktisch nichts. Das kann böse Folgen haben – umso mehr, wenn sogar Insider wie Rainer Voss an ein Ende mit Schrecken denken.

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