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Kommt der Börsencrash?

Finanzstabilitätsbericht der EZB: Unverhohlene Warnungen vor Turbulenzen

Dienstag, 03 Juni 2014 04:46 geschrieben von  Jens Hastreiter
EZB-Präsident Mario Draghi EZB-Präsident Mario Draghi Quelle: EZB

Frankfurt am Main - Kaum ist die Europawahl gelaufen, verschwinden auch die Meldungen von der „überstandenen Euro-Krise“ prompt wieder aus den Medien. Wenige Tage nach der EU-Wahl sprach der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) Mario Draghi vielmehr Klartext.

Im neuen Finanzstabilitätsbericht der EZB hält Draghi die „Möglichkeit eines scharfen und ungeordneten Abbaus der jüngsten Kapitalflüsse“ für denkbar. Dies ist nichts anderes als eine kaum verklausulierte Crash-Warnung.

Die EZB hat infolge des „Stresstest“ der europäischen Banken Einblick in die Bücher der Geldinstitute und rät diesen und auch den Investoren dringend zu Vorsorgemaßnahmen. So warnt die EZB angesichts der Rekordjagd an den Börsen vor einem Kurseinbruch. Wegen der Suche der Investoren nach Rendite seien die Risiken für die Finanzstabilität gestiegen. Offenbar rechnet die Europäische Zentralbank mit einem Börsencrash.

EZB-Vizepräsident Vitor Constancio hat keine schnelle Lösung parat: „Ich habe keine Empfehlung für die Investoren, aber sie sollten sich dieser Risiken bewusst sein und versuchen, sich zu schützen." Die Krise in der Ukraine zum Beispiel könnte die gute Stimmung kippen. „Die Banken sollten darauf vorbereitet sein", warnte Constancio.

Der portugiesische Notenbank-Chef Carlos da Silva Costa, Landsmann von EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, macht ergänzend darauf aufmerksam, dass es sich bei den Warnungen der prominenten EZB-Funktionäre  offenbar nicht um ein theoretisches Gedankenspiel, sondern um eine reale Gefahr handelt.

Die Ironie der Geschichte besteht darin, dass es gerade die Zentralbanken waren, die die jetzige, offenbar gefährliche Situation an den Kapitalmärkten mit ihrer extrem lockeren Geldpolitik erst ausgelöst haben. Mit genau dieser Geldpolitik werden Anleger quasi ins Risiko gezwungen, da früher als sicher geltende Anlagen im Festzinsbereich einerseits nichts mehr abwerfen und andererseits wegen des deutlich gestiegenen Ausfallrisikos auch nicht mehr sicher sind.

Einen Tag vor der Veröffentlichung des Finanzstabilitätsberichts schlug auch der Internationale Währungsfonds (IWF) Alarm wegen mangelnder Fortschritte bei der Reform des weltweiten Bankensektors. „Die schlechte Nachricht ist, dass es zu langsame Fortschritte gibt und die Ziellinie noch weit weg ist”, sagte IWF-Chefin Christine Lagarde am 27. Mai auf einer Konferenz in London. Die Aufgabe sei sehr komplex und werde zusätzlich durch heftigen Gegenwind aus der Bankenlobby erschwert. Ein großes Problem, bei dessen Lösung noch starker Nachholbedarf besteht, sieht Lagarde dabei, dass einige Banken wegen ihrer Größe nicht pleite gehen und auf Staatshilfe vertrauen könnten. Dies bedeutet, dass die großen Banken, die mit Staatsgarantien im Hintergrund agieren, nicht an Reformen denken.

Der Finanzstabilitätsbericht zeigt auch ein „signifikantes Risiko, dass sich die Kreditqualität weiter verschlechtert", auf. Nicht zuletzt wird ein kräftigerer Anstieg der Renditen für Staatsanleihen befürchtet, wenn es zu dem befürchteten Crash an den Märkten käme. Denn Banken und Staaten sind nach wie vor sehr eng verflochten. Beide hätten dann hohe Verluste zu tragen. Deshalb sei es wichtig, die Aufsicht über die Banken zu stärken. Dies gelte auch für den wachsenden Schattenbankensektor und die Derivatemärkte. Ob allein eine verstärkte Bankenaufsicht hilfreich ist, sei im Licht der Erfahrungen der letzten Jahre freilich dahingestellt.

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