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China steigt in den Passagierflugzeugbau ein

Konkurrenz für Airbus und Boeing aus Fernost

Dienstag, 25 November 2014 13:10 geschrieben von  Enno-Martin Cramer
ARJ21 ARJ21 Peng Chen - Flickr: China ARJ-21

Magdeburg - Mit dem Regionaljet ARJ-21 des staatlichen Flugzeugherstellers Comac wurde kürzlich das erste größere Passagierflugzeug aus chinesischer Produktion vorgestellt. Zwar wird die Volksrepublik nach der Prognose des Luftfahrtexperten Michael Santo noch etwa zehn bis 15 Jahre brauchen, „um in der Flugzeugindustrie ernsthaft mitzumischen und als Exporteur auf dem Weltmarkt aufzutreten“, doch immerhin sollen für die neue Maschine, die über 90 Plätze verfügt und mit 27 Millionen Dollar zehn Prozent preiswerter ist als ein vergleichbares Modell von Bombardier, bereits 278 Bestellungen vorliegen.

Schon im kommenden Jahr will Comac außerdem seinen ersten Mittelstreckenflieger C919 mit 170 Sitzplätzen starten lassen, und gleichzeitig soll mit dem Bau des ersten Langstreckenjets für 300 Passagiere begonnen werden. Kunden sind zumeist einheimische Leasingfirmen und Fluglinien wie Chengdu Airlines, aber auch die Republik Kongo ist schon an den Comac-Maschinen interessiert.

Für Lin Zuoming, den Chef des chinesischen Rüstungs- und Flugzeugkonzerns Avic, der 500.000 Mitarbeiter beschäftigt und Anteile an Comac besitzt, geht mit der Serienproduktion von Passagiermaschinen „der Traum einer ganzen Generation“ in Erfüllung. „Die Überlegenheit unserer großen Flugzeuge wird uns eine weltweite Führungsstellung sichern“, zeigte er sich überzeugt, nachdem die ARJ-21 vor knapp zwei Wochen bei der Luftfahrtmesse Airshow China in Zhuhai vorgestellt wurde.

„Dank großzügiger Unterstützung der Regierung ist eine starke Ausweitung des Marktanteils in China jetzt schon sicher“, meint Bai Wie, früherer Chefredakteur der Luftfahrtzeitschrift „Aviation World Monthly“. Peking wird in den kommenden Jahren versuchen, mit seinen Flugzeugen in Konkurrenz zu den Weltmarktführern Airbus und Boeing zu treten. Jedenfalls sieht das der Plan vor, der noch unter dem Vorgänger des jetzigen chinesischen Präsidenten Xi Jinping, dem von 2003 bis 2013 amtierenden Staatschef Hu Jintao, auf den Weg gebracht wurde.

Eigentümlicherweise haben die beiden führenden Flugzeughersteller mit ihren Joint-Ventures in China und entsprechenden Technologietransfers selbst mitgeholfen, sich einen potentiellen Konkurrenten zu schaffen, der in nur acht Jahren einen Entwicklungssprung vollziehen konnte, für den westliche Konzerne in der Regel mehrere Jahrzehnte brauchen.

Zwischen Boeing und Comac besteht seit zwei Jahren eine Forschungskooperation zur Entwicklung neuer Treibstoffspartechniken, Airbus baut seinen A320 nicht nur in Hamburg und Toulouse, sondern auch in der chinesischen Hafenstadt Tianjin. Der Nachfolger A320 neo mit sparsameren Treibwerken und neuen Flügeln soll nun allerdings ausschließlich in Europa endmontiert werden. So soll zumindest in den nächsten Jahren noch der technologische Vorsprung gehalten werden.

Der chinesische Flugzeugbau ist auch für deutsche Partnerfirmen interessant. So setzt der Münchner Triebwerkskomponenten-Hersteller MTU, der seit 2001 zusammen mit China Southern Airlines in der Sonderwirtschaftszone Zhuhai ein Joint-Venture betreibt, künftig auch auf eine engere Zusammenarbeit mit Comac. Schon jetzt ist MTU der größte Triebwerke-Instandhalter in China, die rund 650 Mitarbeiter des Gemeinschaftsunternehmens sind größtenteils Chinesen, China Southern Airlines hält 50 Prozent der Anteile, hat also volles Mitspracherecht und Einblick in sämtliche Unterlagen.

Auch der schwäbische Luftfahrtausrüster Liebherr Aerospace hat die Chancen auf dem chinesischen Markt erkannt. Das Unternehmen ist schon seit 1978 im Reich der Mitte tätig und liefert unter anderem die Fahrwerke und die Klimatechnik für die C919 von Comac. Mit solchen Kooperationsmodellen sichern sich die deutschen Firmen einen wichtigen Zugang zum chinesischen Wachstumsmarkt, während die andere Seite vom westlichen Knowhow profitiert. Auf diesem Modell basieren die meisten europäisch-chinesischen Gemeinschaftsprojekte im Hochtechnologiebereich. Für Peking der beste Weg, um überall zur Weltspitze vorzudringen.

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