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Harte Bandagen in der Gentech-Industrie

Kritiker stoßen mit ihren Warnungen nicht unbedingt auf Gegenliebe – der Fall „Syngenta“

Freitag, 06 Juni 2014 19:21 geschrieben von  Jens Hastreiter

Berlin - Weil er seine Untersuchungen über ein gefährliches Herbizid publizierte, wurde ein Universitätsprofessor von einem GVO-Konzern attackiert. „GVO“ steht für „Gentechnisch veränderte Organismen“. Der Fall sorgte im Frühjahr nicht nur in den USA für Aufsehen.

Prof. Tyrone Hayes von der Berkeley University führte über mehrere Jahre hinweg eine Studie über Atrazin durch, ein Herbizid, das bei dem genveränderten (GV-)Mais der Firma Syngenta verwendet wird. Syngenta ist weltweit einer der größten Konzerne im Agrargeschäft. Hauptsitz der Firma isat Basel. Das Unternehmen ist in der Sparte Pflanzenschutz (Syngenta Crop Protection) Marktführer.

Atrazin gehört zu den meistverwendeten Unkrautvernichtungsmitteln in den USA und Australien. In der EU wurde seine Verwendung schon 2004 wegen Kontaminierung des Grundwassers verboten. Obwohl die US- Umweltschutzbehörde EPA (Environmental Protection Agency) Atrazin im Jahr 2001 als das am häufigsten im Trinkwasser entdeckte Pflanzenschutzmittel deklarierte, genehmigt die US-Regierung immer noch seine Verwendung beim Anbau von Feldfrüchten, insbesondere von  Mais und Zuckerrüben.

Im Bericht der EPA heißt es wörtlich: „Atrazin greift bei Menschen und Tieren hauptsächlich das endokrine System an. Studien weisen bislang darauf hin, dass es sich bei Atrazin um einen endokrinen Disruptor handelt, einen Wirkstoff, der bei Tieren nachweislich das natürliche Hormonsystem verändert. Implikationen einer möglichen endokrinen Disruption für die Gesundheit von Kindern betreffen die Wirkung während Schwangerschaft und geschlechtlicher Entwicklung; doch darüber liegen nur wenige Studien vor.“

Eine dieser „wenigen“ Studien stammt von Prof. Tyrone Hayes. Weil deren Ergebnisse dem Syngenta-Konzern nicht passten, wurde dort eine Kampagne gegen den Wissenschaftler losgetreten, mit dem Ziel, seinen Ruf zu ruinieren.

Der Fall hat eine lange Vorgeschichte. 1998 wandte sich Syngenta an Hayes mit dem Wunsch, Tests über die Sicherheit des Herbizids Atrazin durchzuführen. Hayes war schon damals einer der weltweit führenden Forscher über die Endokrinologie von Amphibien. Doch die Ergebnisse der Studie entsprachen nicht den Wünschen des Auftraggebers. Hayes entdeckte nämlich, dass Atrazin die geschlechtliche Entwicklung von Fröschen hemmen konnte. Dieses Ergebnis war alarmierend, weil Atrazin bei fast der Hälfte des gesamten in den USA angebauten Maises zur Anwendung gelangt. Dieser Mais findet sich weltweit in von den USA gelieferten Futtermitteln und gelangt so in die Nahrungskette.

Nachdem sich Syngenta nach Kenntnisnahme der Studienergebnisse geweigert hatte, verantwortungsvoll auf die Ergebnisse zu reagieren, beendete Hayes im Jahr 2001 die Zusammenarbeit mit dem Konzern. Eineinhalb Jahre später veröffentlichte er seine Arbeit über Atrazin in der Zeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences“. Hayes äußerte dort auch die Vermutung, dass die Chemikalie ein Faktor beim weltweit beobachteten Rückgang von Amphibien-Populationen sein könnte.

Trotz der Kündigung des Forschungsvertrags mit Syngenta setzte er seine Untersuchungen an Atrazin mit finanzieller Unterstützung der Berkeley University und der „National Science Foundation“ fort.

Die neuen Ergebnisse waren noch alarmierender als die vorangegangenen. Daraufhin schrieb Hayes an das Forschungsgremium: „Ich denke, ich sollte Sie warnen, dass meiner Ansicht nach bei diesen Tieren etwas sehr Merkwürdiges vor sich geht.“ Beim Sezieren von Fröschen hatte Hayes festgestellt, dass einige nicht eindeutig als männlich oder weiblich identifiziert werden konnten. Einige hatten sowohl Hoden als auch Eierstöcke, andere wiesen deformierte überzählige Hoden auf.

Schon bald nach der Veröffentlichung der neuen Studienergebnisse bemerkte der Professor, dass er auf Konferenzen überall auf der Welt, zu denen er als Redner oder Teilnehmer eingeladen worden war, von Syngenta-Vertretern verfolgt wurde. Er musste feststellen, dass Syngenta-Wissenschaftler, mit denen er zuvor zusammengearbeitet hatte, auffällig viele Einzelheiten über seine Arbeit und seinen Terminkalender wussten, was den Verdacht aufkommen ließ, dass sein E-Mail-Verkehr mitgelesen wurde.

Jon Entine ist ein Journalist, der in Syngentas Unterlagen als „unterstützende dritte Partei“ aufgeführt wird. Im Magazin „Forbes“ beschuldigte Entine Hayes, Verschwörungstheorien anzuhängen und „internationale Aufsichtsbehörden auf eine fruchtlose Suche zu schicken“, was „ans Kriminelle grenzt“.

Im Rahmen eines Gerichtsverfahrens musste das Bezirksgericht im Kreis Madison im US-Bundesstaat Illinois Dokumente, die zuvor unter Verschluss gehalten wurden, freigeben. Aus diesen ging hervor, daß Syngenta-Vertreter Möglichkeiten besprachen, „Hayes zu diskreditieren“ und „sich Hayes‘ Fehler oder Probleme zunutze zu machen“. Darüber hinaus war die Rede davon, sich seine Frau genauer anzusehen und ein psychologisches Profil über ihn zu erstellen. Den veröffentlichten Dokumenten zufolge bezahlte Syngenta auch regelmäßig „verbündete Dritte“, die als unabhängige Unterstützer auftraten. So führte der Konzern eine Liste von 130 Personen und Gruppen, die als Experten gewonnen werden könnten, ohne ihre Verbindungen zum Konzern offenzulegen.

Hayes´ Studien wurden auch anderwärtig bestätigt. Eine Studie der Indiana University ergab Hinweise auf vermehrte Geburtsfehler bei Kindern von Frauen, die in Gebieten lebten, in denen das Wasser stark mit Atrazin belastet war.

2004 reichten die Versorgungsbetriebe der Stadt Holiday Shores Klage gegen Syngenta ein, was in Folge zu einer Sammelklage führte. Der Rechtsstreit dauerte acht Jahre. Schließlich bekannte sich Syngenta zwar nicht als schuldig. Doch erklärte sich der Konzern bereit, 105 Millionen Dollar für den Betrieb von Filteranlagen in über 1000 kommunalen Wasserversorgungssystemen in Illinois, Missouri, Kansas, Indiana, Iowa und Ohio zu bezahlen.

Jason Rohr, Ökologe an der University of South Florida, der einem EPA-Gremium angehört hatte, kritisierte in einem Aufsatz in der Zeitschrift „Policy Perspectives“ die „lukrative Industrie des Mietens von Wissenschaftlern, die angestellt werden, um Daten anzufechten“. So habe eine von Syngenta bezahlte Prüfung der Atrazin-Literatur vermutlich über 50 Studien falsch dargestellt und 100 bis 140 unrichtige oder irreführende Aussagen enthalten, von denen 96,5 Prozent günstig für Syngenta schienen.

Der Fall lehrt, dass einzelne Akteure gegen weltweit agierende Großkonzerne, denen unerschöpfliche finanzielle Ressourcen zur Verfügung stehen, praktisch keine Chance haben. Dabei ist der Fall „Syngenta“ nur exemplarisch. Er zeigt einmal mehr, dass es im Agro-Business um viel Geld geht – und dass in der Branche deshalb mit harten Bandagen gekämpft wird.

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