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Der Musterknabe ist kein Vorbild mehr

Nicht nur wegen der Russland-Sanktionen: Auch Finnland schlittert in die Krise

Dienstag, 19 August 2014 16:45 geschrieben von  Jens Hastreiter
Nationalflagge Finnlands Nationalflagge Finnlands Bild: Janne Karaste/.janneok | CC BY-SA 3.0

Helsinki - Finnland war einmal Europas Musterland. Als nach wie vor Klassenbester bei der PISA-Studie schlug es noch vor zwei Jahren alle anderen europäischen Volkswirtschaften in puncto Wettbewerbsfähigkeit.

Doch heute scheint es, als würde sich das Land im hohen Norden vom Vorbild zum Sorgenkind wandeln. Die Haushaltslage könnte gar „italienische Züge“ annehmen, berichtete jüngst die Nachrichtenagentur Bloomberg.

Vor allem das vielbejubelte Schulsystem, die erfindungsreichen Unternehmen, die bürgerfreundliche Sozialpolitik und die niedrigen Schulden machten Finnland in Deutschland besonders attraktiv. Das Land war das einzige der Euro-Zone, das noch nie ein Haushaltsziel verfehlt hat und zudem ein Triple-A-Rating vorweisen konnte.

Doch plötzlich ist die Rede von „strukturellen Problemen". Finnlands Zentralbank veröffentlichte kürzlich einen pessimistischen Ausblick für die Wirtschaft des skandinavischen Landes. Nun leidet ausgerechnet das Land, das mehreren südeuropäischen Nachbarn finanziell aus der Patsche geholfen hat, selbst unter der Euro-Krise.

Seit der Finanzkrise 2008 haben sich die Staatsschulden Finnlands von 54 Milliarden auf 94 Milliarden Euro fast verdoppelt, die Arbeitslosigkeit dürfte bald die Marke von zehn Prozent erreichen. Allein seit Juni 2013 ist die Arbeitslosenquote um 1,4 Prozent von 7,8 auf 9,2 Prozent gestiegen.

Nach den Prognosen der Zentralbank wird das Land in zwei Jahren einen Verschuldungsgrad von 61,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) aufweisen und damit die in der Währungsunion verankerte Zielquote von 60 Prozent übersteigen. Zu Beginn der Finanzkrise im Jahr 2008 lag Finnlands Schuldenquote gerade einmal bei knapp 34 Prozent.

Zwei weitere Faktoren tragen zur Beschleunigung dieser wirtschaftlichen Entwicklung bei. Die wegen der Ukraine-Krise verhängten Sanktionen gegen Russland werden kein Land so hart treffen wie Finnland, das eine knapp 1.300 Kilometer lange gemeinsame Grenze mit Russland teilt. Auch ein schwacher Arbeitsmarkt und eine schleppende Außennachfrage führten zu einem kurzfristig verhaltenen Ausblick. Zwar sagten Experten zunächst eine baldige Erholung vorher, doch scheint es jetzt so, als seien diese Annahmen zu optimistisch gewesen. Dazu meint der finnische Notenbankchef Erkki Liikane: „Probleme in der Wirtschaft, die bisher als vorübergehende und zyklische Phänomene galten, erweisen sich jetzt als langwieriger und von struktureller Natur.“

Vor allem mit dem grundsätzlichen Nachfragerückgang für zwei wesentliche finnische Exportschlager hängt die strukturelle Schwäche des Landes zusammen, nämlich mit Druckpapier und Mobiltelefonen der Firma Nokia. Vor einem Jahrzehnt trugen Papier und Elektronikindustrie noch rund zehn Prozent zur finnischen Wirtschaftsleistung bei. Im vergangenen Jahr dagegen lag ihr Anteil bei weniger als 4 Prozent.

Schon immer war Finnland ein Land des Austausches zwischen West und Ost. Während des Kalten Krieges nahmen die Finnen eine neutrale Position ein, was ihnen gute Geschäfte mit dem Nachbarn im Osten ermöglichte. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wurde Finnland zunächst mit der untergehenden Sowjetrepublik in einen wirtschaftlichen Abwärtssog hineingezogen. Dennoch gaben die Finnen nie ihre Bindung zu den einstigen Besatzern im Osten auf. Bis heute sind sie nicht der NATO beigetreten, auch wenn sich angesichts des Vorgehens der Russen in der Ukrainekrise die Stimmen nach einem solchen Schritt mehren.

Doch viele Russen haben nicht nur in die Wirtschaft, sondern auch an der baltischen Küste Finnlands Eigentum erworben und damit die Konjunktur am Immobilienmarkt entscheidend mitgeprägt. Helsinkis Tourismus wird stark von Besuchern aus Russland geprägt.

Andererseits sind finnische Unternehmen in Russland sehr aktiv. Viele, vor allem aus der holzverarbeitenden Industrie, beziehen Rohstoffe aus Russland. Auch im Energiesektor besteht eine große Abhängigkeit Finnlands von Russland. Wasserkraft ist kaum vorhanden, und die wenigen finnischen Atomkraftwerke können nur einen kleinen Teil des finnischen Strombedarfs decken.

Inzwischen weiß man, dass die zunächst bewunderten finnischen Regierungen in den vergangenen Jahren auch grobe wirtschaftliche Fehlentscheidungen trafen. So beschloss Ende 2008 die Allparteien-Regierung, über mehrere Jahre insgesamt 20 Milliarden Euro zu investieren, um die Wirtschaft zu stützen. Nun zeigt sich als Ergebnis dieser Maßnahme, dass das erkaufte Wirtschaftswachstum längst verpuffte und nur die angehäuften Schulden hinterließ, die durch Zinsen steig wachsen und sich selbst ernähren.

Optimistisch hingegen gibt man sich auf der von der finnischen Industrie finanzierten Internetseite „goodnewsfinland.com“. Finnland sei das „viertinnovativste Land der Erde“, wie der „Global Innovation Index“ ergeben habe, außerdem gesellschaftlich das „am wenigsten fragile Land der Erde“ nach dem „Failed State Index“. Auf dieser Seite gibt es freilich nur Positives zu lesen, denn sie soll Investoren anlocken.

Doch selbst die größten Skandinavienfreunde finden in letzter Zeit kaum noch Anlass zu großem Optimismus. Als ökonomisches Vorbild taugt Finnland inzwischen einfach nicht mehr.

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