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Auswirkungen der Wirtschaftssanktionen

Russische Aktien günstig wie lange nicht mehr

Mittwoch, 22 Oktober 2014 22:03 geschrieben von  Enno-Martin Cramer
Börsensaal Moskau Börsensaal Moskau Quelle: Nachrichtenagentur afp.com

Magdeburg - Seit Anfang des Jahres hat der russische Aktienmarkt gegenüber dem MSCI Emerging Markets, dem wichtigsten Index der Schwellenländer, gut 20 Prozent verloren. Reagierte die russische Börse nach dem Krim-Referendum vom 16. März 2014 noch erleichtert und legte bis zum 24. Juni wieder kräftig zu (der RTS-Index stieg damals um 39% gegenüber dem Tief zwei Tage vor der Volksabstimmung auf der Krim), führten dann die anhaltenden Kämpfe zwischen den Aufständischen und den Truppen Kiews in der Ostukraine und insbesondere der bis heute ungeklärte Absturz eines malaysischen Passagierflugzeuges ab Mitte Juli 2014 wieder zu verstärktem Kursdruck auf den Aktienmarkt.

Der RTS-Index notiert derzeit nur knapp über dem Jahrestief vom 14. März (1.016 Punkte), gegenüber dem Euro wertete der Rubel seit Jahresbeginn um fast 14 Prozent ab, die russische Wirtschaft schwächelt (2014 dürfte das BIP nur um 0,3% im Vergleich zum Vorjahr steigen), eine weitere Verschärfung der Sanktionen könnte gar zu einer schweren Rezession in Russland führen. Darüber hinaus sinkt der für Russland wichtige Ölpreis relativ stark, während die Inflationsrate im September 2014 mit 8 Prozent auf ein Dreijahreshoch gestiegen ist. Durch die Abwertung des Rubels verteuern sich viele Importe und treiben die ohnehin wegen des russischen Einfuhrstopps gestiegenen Preise für Nahrungsmittel weiter nach oben.

Nach Ansicht von Commerzbank-Analysten dürfte ein Großteil der negativen Faktoren jedoch mittlerweile in die stark vergünstigten Kurse eingeflossen sein, so dass die Bank eine neutrale Gewichtung des russischen Aktienmarkts empfiehlt. Mit einem KGV von 4,3 auf Basis des für 2015 geschätzten Wachstums der Unternehmensgewinne von 3 Prozent sei der MSCI Russland-Index sehr günstig bewertet, heißt es aus Frankfurt.

Andere Experten sehen mittlerweile sogar wieder Chancen für Anleger. „Wir glauben, dass jetzt ein guter Zeitpunkt ist, um wieder in russische Aktien zu investieren“, meint etwa Norman Boersma, Fondsmanager des Templeton Growth Fonds. Favorisiert werden derzeit vor allem Titel aus den Bereichen Konsumgüter, Gesundheit und Dienstleistungen wie Telekommunikation. Auch die zuständige Spezialistin für Europa, den Nahen Osten und Afrika bei der Baring Asset Management, Ghadir Leil-Cooper, sieht weniger geopolitische Risiken denn gute Voraussetzungen für Investitionen: „Russland hat eine hohe Internetdurchdringung, aber hinkt beim E-Commerce, beim Social Network und beim Onlinebanking hinter Europa und anderen Emerging Markets her. Hier gibt es Wachstumspotenziale.“

Hinzu kommt, dass die russischen Unternehmen mit durchschnittlich fünf Prozent derzeit die höchsten Dividenden weltweit ausschütten – rund zwei Prozent mehr als in anderen Schwellenländern. In Einzelfällen sind sogar weitaus höhere Dividendenrenditen möglich. So liegt die Dividende der Vorzugsaktie von Surgutneftegas und des Telekommunikationsunternehmens Megafon jeweils bei etwa sieben, die von Norilsk Nickel sogar bei etwa zehn Prozent.

Dies könnte zwar bald wieder nach unten korrigiert werden, allerdings nicht so stark, dass es für Dividendenjäger nicht mehr attraktiv wäre. „Selbst wenn die Dividenden in Russland um ein Drittel geringer ausfallen würden als derzeit erwartet, würde die Rendite des Marktes deutlich über der von anderen Schwellenländern und anderen entwickelten Märkten liegen“, so Alexander Dimitrov, Leiter der Osteuropa-Aktienfonds bei der Ersten Asset Management Deutschland GmbH (EAM).

Sollten die Sanktionen gegen Russland noch länger andauern beziehungsweise weiter verschärft werden, würde dies allerdings zwangsläufig auf den gesamten Aktienmarkt durchschlagen. Der schwache Rubel treibt die Inflation, und die Zentralbank könnte darauf mit Zinsanhebungen reagieren, was die Kredite verteuern würde. Für Anleger stehen den großen Chancen also auch große Risiken gegenüber. Neben entsprechendem Kapital brauchen sie also vor allem eines: gute Nerven.

Letzte Änderung am Mittwoch, 22 Oktober 2014 22:09
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