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Vorsicht vor dem Rating von Standard & Poor‘s

Russland auf Ramschniveau?

Mittwoch, 04 Februar 2015 03:40 geschrieben von  Enno-Martin Cramer
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Moskau - Kürzlich stufte die Ratingagentur Standard & Poor’s die Kreditwürdigkeit Russlands von AAA- auf AA+ und damit auf Ramschniveau („junk“) herab. Russische Staatsanleihen gelten jetzt als hochspekulativ, weil ihnen ein großes Ausfallrisiko anhaftet. Derivate, mit denen man sich gegen den Ausfall russischer Schuldtitel absichern kann, sind so teuer wie zuletzt im Krisenjahr 2009.

Experten erwarten, dass sich die ohnehin schon dramatische Kapitalflucht aus Russland, dessen Bonität nun wie die Bulgariens oder Indonesiens bewertet wird, noch einmal verschärfen wird. Der Kapitalabfluss hatte schon im letzten Jahr ein mit 151 Milliarden Dollar ein neues Rekordniveau erreicht. Einen großen Anteil daran hatten Gelder von Oligarchen, die angesichts der Sanktionen ihr Kapital ins Ausland verschoben.

Russlands Finanzminister Anton Siluanow nannte das Rating von Standard & Poor’s „übertrieben pessimistisch“. Die Agentur habe die starken Seiten der russischen Wirtschaft nicht berücksichtigt, so Siluanow laut einer Meldung der Agentur Tass. Zudem habe S&P den Anti-Krisen-Plan der Regierung bei ihrer Bewertung nicht bedacht. Um die verheerenden Folgen der Krise zu mildern, will der Kreml ein Programm auf den Weg bringen, das Firmen und Banken, aber auch das Sozialsystem stützen soll. Hierfür ist ein Volumen von 2,7 Billion Rubel bzw. rund vier Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung vorgesehen.

Auch Vize-Außenminister Wassili Nebensia kritisierte das Ramsch-Rating aus New York City, allerdings in wesentlich schärferen Worten. Die Herabstufung sei „auf direkten Befehl aus Washington“ erfolgt. Russland sei mit „koordinierten Aktionen“ gegen seine Wirtschaft konfrontiert, die zu dem „mehr oder weniger offiziell erklärten Sanktionskrieg“ gegen sein Land gehörten.

Ist die Herabsetzung der Bonität Russlands also eher ein „politischer Vorgang“, wie es ein Sprecher des russischen Präsidenten formulierte? Es wäre jedenfalls nicht das erste Mal, dass die Ratingagentur Standard & Poor’s in den Verdacht gerät, mit ihren Einschätzungen jene Situation erst herbeizuführen, die sie voraussagt. Schon im Zuge der Euro-Schuldenkrise wurden S&P und andere Ratingagenturen mitverantwortlich für die Misere gemacht. So veröffentlichte Manfred Gärtner, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität von St. Gallen, zusammen mit seinem Kollegen Björn Griesbach im Jahr 2012 eine Studie, die zu dem Ergebnis kam, dass die drei großen Ratingagenturen Standard & Poor's, Moodys und Fitch bei ihrer Herabstufung von Staaten wie Irland oder Griechenland weit über das hinausgegangen waren, was durch die Verschlechterung der Wirtschafts- und Finanzlage dieser Länder tatsächlich gerechtfertigt gewesen wäre.

Dies habe einen Teufelskreis in Gang gesetzt: Durch eine fehlerhafte Herabstufung sinke das Vertrauen des Marktes in die Bonität des Landes, die Zinssätze stiegen in einem Ausmaß, das die fehlerhafte Herabstufung nachträglich rechtfertige oder gar noch weitere Herabstufung verlange, und die treibe die Zinssätze schließlich noch weiter nach oben. „Am Ende einer solchen Spirale kann dann die Insolvenz eines ursprünglich eigentlich wirtschaftlich und finanziell durchaus soliden Landes stehen“, so Gärtner und Griesbach in ihrer Studie. Im Grunde also ein klassisches Beispiel für eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

Im Falle Russlands könnten sich die Fragen, die Gärtner und Griesbach damals aufwarfen, nun erneut stellen. Zu klären wäre in diesem Zusammenhang auch, ob Standard & Poor’s womöglich nur allzu pessimistische Kaffeesatzleserei betreibt oder ob ihr Rating Teil einer politisch gesteuerten Kampagne ist, um massiven wirtschaftlichen Druck auf Russland auszuüben und Präsident Putin entweder zu Konzessionen zu zwingen oder ihn zu stürzen.

Letzte Änderung am Donnerstag, 05 Februar 2015 03:59
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