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Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger:

Schwarzbuch Börse 2015

Dienstag, 12 Januar 2016 03:40 geschrieben von  Rüdiger Dietrich
Logo SdK Logo SdK Quelle: de.wikipedia.org | Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger

München – Über die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) erschien als Bestandteil der Sonderausgabe „AnlegerLand 2016“ das „Schwarzbuch Börse 2015“, das sich neben zahlreichen Einzelfällen insbesondere mit kuriosen Fällen im Zusammenhang mit Mittelstandsanleihen, Versorgeraktien im staatlichen Stresstest, einem zur Farce werdenden Gläubigerschutz mit Blick auf die Hypo Alpe Adria und der durch Griechenland und China beeinträchtigten Börsenstimmung befasst. Besagtes Schwarzbuch führt den „Börsianern“ noch einmal nachdrücklich vor Augen, wie Gesetzgeber, Großaktionäre und Management teilweise in kongenialer Verbundenheit zu Lasten des Privatanlegers agieren. Die SdK sieht sich in der Pflicht, im makroökonomischen Umfeld einer weltweiten Notenbank-Geldschwemme, Zinsen auf niedrigstem Niveau und einer unsicheren chinesischen Volkswirtschaft die Rechte von Anlegern wahrzunehmen und auf negative Trends am Kapitalmarkt hinzuweisen.

Das Börsenjahr 2015 war u. a. auch davon gekennzeichnet, dass politische Einflussnahme an den Finanzmärkten Kurskapriolen zu Lasten der Anleger auslöste. Mit einer Hinhaltetaktik versuchte die neugewählte griechische Regierung von Alexis Tsipras im Sommer 2015, ihre Verhandlungsposition gegenüber der Europäischen Kommission um neue Hilfskredite zu stärken. Leidtragende waren die Besitzer griechischer Staatsanleihen und die Sparer. In China war der Shanghai-A-Index von Mitte 2014 bis Mitte 2015 um 150 % gestiegen. Einen maßgeblichen Einfluss daran hatte die Regierung in Peking, die den heimischen Sparern das Spekulieren auf Kredit erleichterte und zugleich ausländischen Investoren den Zugang zum Aktienmarkt in Shanghai öffnete. Die Blase platzte, als die Zentralbank die extrem lockeren Regeln für Wertpapierkredite wieder verschärfte. Von Mitte Juni an verlor der Shanghai-A-Index in nur drei Wochen ein Drittel an Wert. Peking reagierte und untersagte Großaktionären und Managern börsennotierter Unternehmen, ihre Aktien für einen Zeitraum von sechs Monaten zu verkaufen. Mitte August löste die weltweit zunehmende Sorge um einen Einbruch die zweite Ausverkaufswelle aus, von der dieses Mal auch die internationalen Märkte erfasst wurden.

Anders als im Jahr zuvor standen 2015 wieder einige DAX-Konzerne als Wertvernichter im Mittelpunkt. Die Diskussion um neue Rekordverluste und die weiter sinkende Bonität sorgten für einen weiteren Kursverfall bei den Versorgern E.ON und RWE. Für die größten Vermögensverluste für Anleger sorgte jedoch Volkswagen mit dem Eingeständnis, die Abgaswerte seiner Dieselmotoren manipuliert zu haben. Am 21. September verlor der Autokonzern ein Drittel seines Börsenwerts. Der Sippenhaft-Effekt verursachte auch zweistellige Kurseinbrüche bei den anderen Autokonzernen im DAX sowie den zahlreichen Zulieferern in MDAX und SDAX. Massiver finanzieller Schaden droht auch den Gläubigern der Hypo Alpe Adria. Die Beinahepleite der Kärntner Landesbank während der Finanzkrise ging als größter Finanzskandal Österreichs in die Geschichte ein. Jetzt kämpfen die Gläubiger mit rechtlichen Schritten gegen ihre Enteignung durch fragwürdige gesetzliche Maßnahmen. Um alle Geldgeber an der Rettung zu beteiligen, hat die österreichische Staatsregierung Auszahlungen an Anleihegläubiger per Gesetz außer Kraft gesetzt.

Die SdK hatte in den vergangenen Jahren Anleger wiederholt vor der mangelnden Informationspolitik und Kapitalmarktreife zahlreicher mittelständischer Unternehmen gewarnt, die Anleihen mit niedriger Bonität zu vermeintlich günstigen Konditionen begeben hatten. Neben dem Risiko eines Zahlungsausfalls wegen finanzieller Schieflage droht Anlegern hier Schaden durch juristische Winkelzüge einzelner Emittenten: Ein Beispiel, wie sich Gerichte einzelner europäischer Länder über gesetzliche Regelungen hinwegsetzen, ist der Autoteile- und Werkstattbetreiber ATU. Obwohl die Rückzahlung einer Anleihe 2014 fällig war, wurde sie ohne Begründung aus den Anlegerdepots ausgebucht. Später erfuhren die Privatanleger dann, dass die ihnen zustehenden Rechte durch ein dem Insolvenzverfahren ähnliches Verfahren nach englischem Recht ausgehebelt und sie ungefragt um eine Insolvenzquote gebracht wurden. Auch bei den in Deutschland börsengelisteten chinesischen Firmen, die seit geraumer Zeit ständiger Gast im Schwarzbuch Börse sind, reißt die Pleiteserie nicht ab.

Ein gutes Beispiel, wie Aktionären ein Investment madig gemacht werden kann, bietet der folgende Fall: Im Mittelpunkt des Schmierentheaters „Aktionärs-Mobbing“ das frühere MDAX-Unternehmen Celesio und der US-Pharmahändler McKesson. Aber Celesio ist im aktuellen Schwarzbuch Börse nicht alleine. Alphaform, Neschen, PNE Wind, Tesco oder IFA Hotel & Touristik – die Liste der Unternehmen, die in unterschiedlichster Form gegen Anlegerinteressen verstoßen haben, ist auch in diesem Jahr wieder lang. Die Vergehen reichen von intransparenter Geschäftsführung und Ermittlungen wegen Bilanzfälschung über fragwürdige Vorgehensweisen bei Delistings bis zu rechtlichen Auseinandersetzungen um Kapitalmaßnahmen, deren Nutznießer nur bestimmte Aktionärsgruppen sind. Daniel Bauer, Vorstand der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger e.V., kommentierte die im Schwarzbuch Börse 2015 beschriebenen Trends und Einzelfälle: „Wir begrüßen es, dass Fälle wie der Milliardenskandal um den Windpark-Finanzierer Prokon, den die SdK angeprangert hat, dazu führen, dass die Politik erste Schritte eingeleitet hat, um die Rechte und Interessen der Privatanleger besser zu schützen. In der Praxis muss aber genau diese Anlegergruppe weiter besonders darauf achten, nicht übervorteilt zu werden. Das gilt vor allem im Hinblick auf finanzielle Transaktionen wie Kapitalerhöhungen oder Delistings. Als Anlegerschützer sehen wir uns verpflichtet, über unsere Berichterstattung und Öffentlichkeitsarbeit für eine bessere Informationspolitik der Unternehmen im Sinne von echter Corporate Governance zu kämpfen.“

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