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Ohne Untersuchung für hirntot erklärt

Schwerer Verstoß gegen die Organentnahmevorschriften

Dienstag, 13 Januar 2015 16:16 geschrieben von 

Berlin - Der Chirurg hatte den Bauchraum bereits eröffnet, erst da fiel dem Operationsteam auf, dass die zur Organspende vorbereitete Patientin nicht nach den vorgeschriebenen Kriterien für hirntot erklärt worden war. Die Entnahme wurde abgebrochen.

"Es ist gut möglich, dass das Gehirn dieses Menschen schon so weit geschädigt war, dass er nie wieder ins normale Leben zurückgefunden hätte", erklärte ein anonymer Mitarbeiter des Krankenhauses Bremerhaven-Reinkenheide, in dem sich der Vorfall ereignet hatte. "Aber solange der Hirntod nicht korrekt diagnostiziert worden ist, weiß das eben niemand." Den Angaben zufolge ereignete sich die schwerwiegende Panne bereits im Dezember vergangenen Jahres. Wie die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) erklärte, habe man die Überwachungskommission der Bundesärztekammer über "Unklarheiten in Bezug auf die Hirntoddiagnostik bzw. ihre Dokumentation" informiert. So soll es im offiziellen Dokumentationsbericht der DSO heißen, die Spende sei aufgrund eines Herzkreislaufversagens des Spenders abgebrochen worden. Gerüchten zufolge sei die Beatmung der Patientin einfach abgestellt worden. "Der DSO und mir persönlich ist es ein besonderes Anliegen, dass die Feststellung des Hirntods ordnungsgemäß nach dem Stand der Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaft erfolgt", erklärte DSO-Vorstandschef Axel Rahmel. Die Bundesärztekammer teilte mit, dass zu laufenden Fällen in konkreten Einzelfällen keine Auskünfte gegeben werden könnten. Man werde sich jedoch "mit der Überprüfung bestimmter Hirntoduntersuchungen und -diagnosen befassen", versicherte sie. Die Klinikchefin Edith Kramer dementierte die Vorwürfe. "Eine Patientin musste mit Schädel-Hirn-Trauma behandelt werden. Die Verletzung war so schwer, dass der Hirntod festgestellt wurde. Das Hirn wies keine Aktivitäten auf." Überdies sei dies von zwei erfahrenen und qualifizierten Ärzten diagnostiziert worden. Den Angaben der Klinikchefin zufolge war der Fehler bürokratischer Natur: die ordnungsgemäß festgestellte Diagnose war nicht in den Op-Bericht übertragen worden, das Operationsteam daraufhin verunsichert und so wurde die Entnahme abgebrochen. Wie der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Oliver Constien, mitteilte, sei ein Todesursachenermittlungsverfahren eingeleitet, "das die Umstände der Organentnahme zu beleuchten hat."

In der Vergangenheit kam es immer wieder zu Fehlern bei der korrekten Diagnose eines Hirntodes. So deckten im März 2014 drei medizinische Fachgesellschaften mehrere Fälle falsch diagnostizierter Hirntode aus den Jahren 2011 bis 2013 auf und forderten die Qualifikationen der feststellenden Untersucher zu erhöhen. Demnach sei es gängige Praxis, dass auch Ärzte aus anderen Fachgebieten als der Neurologie einen Hirntod feststellten. "Überprüfen sollten das Fachärzte, die auch speziell für dieses Organ ausgebildet sind, und nicht etwa Kardiologen oder Nephrologen", sagte Cornelius Weiller, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Neurologie und Direktor der Neurologischen Universitätsklinik in Freiburg. "Es sollte jemand machen, der viel vom Gehirn versteht." Auch der Neurochirurg Christoph Goetz, Chefarzt einer Privatklinik in Hamburg-Harburg, teilt Weillers Ansicht. Ärzte müssten viel besser ausgebildet werden, bevor sie eine solch schwerwiegende Diagnose stellen dürften. "Gerade bei dieser sensiblen Diagnose ist mehr Sorgfalt nötig", sagt Goetz. "Der Hirntod ist eine ausgesprochen sichere Diagnose - aber eben nur, wenn er auch ordnungsgemäß bestimmt wird." Goetz hatte sich gemeinsam mit Kollegen bereits im März letzten Jahres in einem offenen Brief an die Bundesärztekammer gewandt und forderte darin die Verschärfung der Richtlinien für die Hirntodbestimmung, sowie eine höhere Untersucherqualifikation. "Die spendebereiten Menschen haben Anspruch auf die höchstmögliche Sicherheit. Derzeit ist diese Sicherheit nicht ausreichend", heißt es im Schreiben.

Die Hirntoddiagnostik hierzulande sei sicher genug, entgegnete die Bundesärztekammer. Noch nie sei einem Lebenden Organe entnommen worden. Die derzeitigen Richtlinien schreiben vor, dass der Untersucher, der den Hirntod feststellen darf, "eine mehrjährige Erfahrung in der Intensivbehandlung von Patienten mit schweren Hirnschädigungen" vorweisen muss. Zwei Ärzte müssen unabhängig voneinander einen Hirntod feststellen. Danach wird ein Totenschein ausgestellt und der Patient zur Organspende freigegeben. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesärztekammer arbeitet seit Jahren an einer Aktualisierung der Richtlinien für die Feststellung des Hirntodes.

Besondere Brisanz gewann zuletzt das Thema illegaler Organhandel. Insbesondere die so genannte "Albanien-Connection", nach BKA Einschätzungen ein Ableger der italienischen Mafia, tat sich hier zuletzt hervor. Den Albanern ist es gelungen vor allem in Berlin in Deutschland Fuß zu fassen. Während die Albanien-Connection in Hamburg zuerst das Rotlichtgeschäft für sich eroberte, gelang es den Skipetaren in Berlin in Organisationen der Gesundheitswirtschaft Einfluß zu nehmen.

Letzte Änderung am Dienstag, 13 Januar 2015 16:25
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