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Konjunktur:

Versicherungswirtschaft kalkuliert über Jahre mit niedrigen Zinsen

Freitag, 29 Januar 2016 20:29 geschrieben von  Rüdiger Dietrich
Versicherungswirtschaft kalkuliert über Jahre mit niedrigen Zinsen Versicherungswirtschaft kalkuliert über Jahre mit niedrigen Zinsen Quelle: DERFFLINGER

Berlin – Der promovierte Ökonom Dr. Klaus Wiener, der als Chefvolkswirt des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft Fragen zur Gesamtwirtschaft, Finanzmärkten und Kapitalanlagen verantwortet, erläuterte aktuell, welchen Einfluss die heftigen Kursausschläge an Chinas Börsen und die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) auf die Konjunktur im Allgemeinen und die Versicherungswirtschaft im Speziellen haben. Die Analyse des Verbandsökonomen und deren Bewertung klingt ausgesprochen nüchtern, insbesondere betreffend des zinspolitischen Umfelds prognostiziert Wiener sowohl der Versicherungsbranche als auch den privaten Haushalten über Jahre hinweg mit den Folgen eines Niedrigzinsszenarios konfrontiert zu bleiben. Mit Blick auf die Konjunktur hält er zwar ein Wachstum nach wie vor für möglich, konstatiert jedoch eine Verschiebung der Wachstumskräfte zunehmend in Richtung Inlandsnachfrage.

Die Inlandsnachfrage – und hier vor allem den private Verbrauch – schätzt Wiener auch für 2016 robust ein, während der weiter schrumpfende Außenbeitrag sogar  leicht negativ werden dürfte. Doch ist aus Sicht der Versicherungswirtschaft der reale private Konsum mit einem durchschnittlichen Anstieg von 0,8 Prozent in den Jahren 2010 bis 2014 und trotz eines Anstiegs im vergangenen Jahr immer noch eher schwach. Zur Stärkung der deutschen Volkswirtschaft gegen externe Risiken empfiehlt die Branche der Finanzpolitik, den privaten Haushalten zusätzliche Spielräume für eine dauerhafte Ausweitung des Konsums und einer Stärkung der kapitalgedeckten Altersvorsorge zu verschaffen. Mit Besorgnis ist eine Zunahme der weltwirtschaftlichen Risiken in den ersten Wochen des Jahres zu betrachten. Aus zweierlei Gründen sei vor allem die Entwicklung in China als problematisch einzustufen, und zwar nicht allein für Deutschland. Zum einen ist das Land gemessen an der jährlichen Wirtschaftsleistung die zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde, weshalb eine Rezession tiefe Spuren im Rest der Welt hinterlassen würde, sowie darüber hinaus die Aktienmarktturbulenzen inzwischen auch die Märkte im Westen erfasst haben.

Hinzukommt, dass vor allem der geldpolitische Kurs der EZB die Kapitalmarktzinsen außerordentlich unter Druck gebracht hat. Das Ausmaß, in dem das Thema Renditeverfall 2015 zusätzlich an Bedeutung gewonnen hat, war für die Branche kaum vorstellbar, so Dr. Wiener wörtlich. Mit der Ankündigung des EZB-Rats im Januar 2015, ein großes Anleihekaufprogramm in Höhe von 1,15 Billionen Euro aufzulegen, entstand ein massiver Abwärtsdruck auf die Zinsen, in deren Folge die Rendite der 10-jährigen Bundesanleihe auf 0,05 Prozent im April fiel.  Nachdem die EZB auf ihrer Sitzung Anfang Dezember bereits beschlossen hatte, das Anleihekaufprogramm noch einmal zu verlängern, weisen jüngste Äußerungen von EZB-Chef Mario Draghi darauf hin, dass der Lockerungskurs in naher Zukunft sogar noch einmal erhöht wird, weshalb die Versicherungswirtschaft davon ausgeht, dass die Kapitalmarktzinsen im Euro-Raum noch auf Jahre hinaus sehr niedrig bleiben werden. Wegen des Niedrigzinsumfeldes werden auch die Sparziele der privaten Haushalte zunehmend schwerer zu erreichen sein.

Letzte Änderung am Freitag, 29 Januar 2016 20:31
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