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Heftige Kritik an Mario Draghi

Zinspolitik, Kapitalströme und Euro-Talfahrt

Mittwoch, 01 Oktober 2014 22:20 geschrieben von  Rüdiger Dietrich

Frankfurt am Main - Der Euro wertet im Vergleich zum Dollar stetig ab, was Mario Draghi von der EZB Freunde bereiten dürfte, erhofft sich dieser dadurch Rückenwind für die Exportwirtschaft. Doch so mancher Ökonom beurteilt die währungspolitische Situation etwas kritischer. Derzeit steht der Euro bei 1,26 $, erreichte jedoch am gestrigen Tage bereits seinen Zweijahrestiefststand unterhalb dieser Marke, den er ohne die negativen US-Daten vermutlich nicht verlassen hätte. Und beurteilt man die vergangene Entwicklung, dürfte dieser Euro-Abwertungstrend sich noch einige Zeit verfestigen. Dieser Trend ist nicht allein aus der Retrospektive herzuleiten, sondern vielmehr aus den abzuleitenden Zukunftsprognosen der Absichtserklärungen bzw. Andeutungen der Zentralbanker. Während EZB-Präsident Mario Draghi bis 2016 zinspolitisch an der Null-Linie entlang fahren möchte, wird jenseits des großen Teichs eine gegenläufige Entwicklung angenommen. Die US-Notenbank, war zu vernehmen, zielt zwischen März und Juli 2015 auf eine erste Zinsanhebung ab. China und Japan schlagen vermutlich den Weg einer weiteren Niedrigzinspolitik gleich der EZB ein, im Gegensatz zu Großbritannien, wo wiederum eine Zinsanhebung erwartet wird.

Diese globale Zinsdivergenz wird nicht ohne Auswirkungen auf die internationalen Kapitalströme und somit die Devisenkurse bleiben. Nachdem die Niedrig- bzw. Nullzinspolitik von EZB und FED Kapitalbewegungen in die Schwellenländer zur Folge hatte, wird eine hierzu konträre Entwicklung einsetzen, sobald in den USA die Zinsen zu steigen beginnen. Doch ist diese Sogwirkung nicht allein aus den Schwellenländern zu erwarten, sondern ebenso aus der Euro-Zone. Empirisch verlieren Währungen aus Niedrigzinsräumen an relativem Wert gegenüber Hochzinswährungen. Seitens einiger Hedge-Fonds wird bereits auf eine Euro-Abwertung gesetzt, und auch das Geldhaus Goldman Sachs geht von einem mehrjährigen Abwertungsprozeß aus, der möglicherweise sogar zu einer Euro/Dollar-Parität führen könnte. Mit Blick auf die EZB warnen jedoch einige Ökonomen vor einem sogenannten Abwertungswettlauf und sprechen - wie Stefan Homberger - von einer europäischen Währungspolitik, die mit der deutschen Tradition bricht.

Was erwartet konkret die Sparer? Die Zinsentwicklung langlaufender Staatsanleihen wie auch von Immobilienkredite bildete zumeist in etwa die Marktvolatilität ab, bezüglich kurzfristiger Spareinlagen und Tagesgeld dürfte erfahrungsgemäß eine Orientierung an den EZB-Leitzinsen wahrscheinlich sein. Vor allem aber bankenpolitisch ist, insbesondere angesichts der EZB-Bankenstreßtest, nicht außer Acht zu lassen, daß steigende Zinsen in den USA festverzinsliche Papiere an Wert verlieren lassen, wodurch wiederum Druck auf die Bankbilanzen entstehen könnte. - Das Erscheinungsbild der weltwirtschaftlichen Finanzlage hinterläßt nach wie vor weniger einen soliden, als einen hochkomplexen und äußerst volatilen Eindruck.

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